Adventskalender für Hunde

lucky gähntIch hatte mal einen Hund. Das war ein Border-Collie, also ein Synonym für „ziemlich schlau“. Der war sehr gelehrig, dem konnte man alles mögliche beibringen. Lucky konnte sogar nahezu identische Dinge unterscheiden: Wenn drei Bälle im Hof lagen, und man ihm sagte: „Hol mal den Schalke-Ball!“, kam er zuverlässig mit genau diesem Spielgerät im Maul angetrabt. Und, nein, wir hatten nicht ausschließlich  Schalke-Bälle, um dummen Bemerkungen vorzubeugen.
Diesem Hund konnte man also allerlei beibringen. Wahrscheinlich sogar, an einem Adventskalender die Türchen in der richtigen Reihenfolge zu öffnen. Ich kann das nicht mit Gewissheit sagen, denn wir haben es nie versucht. Wozu auch? Adventskalender sind ja erfunden worden, um Kindern das Warten auf Weihnachten zu versüßen. Mit dem pädagogischen Nebeneffekt, (fast) jeden Morgen beim Öffnen des jeweiligen Türchens religiöse Fragen zu beantworten: „Papa, was ist denn Azzwennz? Warum feiern wir Weihnachten? Wo wohnt denn das Christkind?“. Und, natürlich auch: „Bist Du sicher, dass mein Wunschzettel im Himmel angekommen ist?“
Fragen, die Lucky nie gestellt hätte. Denn Lucky war ja ein Hund. Und kein Mensch. Bei allem Respekt vor seiner Schlauheit: Die Sinnfragen des Lebens mit meinem Hund zu besprechen, darauf bin ich nie gekommen.
Ich habe insgesamt wenig mit meinem Hund geredet. Ich habe ihn nie gefragt, ob er ein Leckerchen möchte, wenn ich ihm eines vor die Nase gehalten habe. Oder ob er raus muss, wenn er schnüffelnd an der Haustür stand. Oder ihn morgens mit „Na, mein Kleiner, wie hast Du denn geschlafen?“ begrüßt. In vielen Fällen war mir die Antwort klar, in anderen hätte ich keine bekommen. Lucky war ja, wie bereits erwähnt, ein Hund. Und konnte, bei aller Schlauheit, nicht sprechen. Deshalb haben wir meist nonverbal kommuniziert. Mit Gesten, Blicken, einem Fingerschnippen meinerseits und mehr oder minder angemessenen Reaktionen seinerseits. Ich hatte immer den Eindruck, Lucky war sogar froh, in einer Familie zu leben, wo er nicht ein Kind oder die Omma ersetzten oder als Statussymbol herhalten musste. Sondern einfach nur Hund sein durfte.
Deshalb bin ich auch nie darauf gekommen, ihm einen eigenen Adventskalender zu kaufen.
Zumal mir die Existenz eines solchen Produktes im durchaus reichhaltigen Sortiment von Hundezubehör nicht bekannt war. Ich muss gestehen: Obwohl Lucky nur der Zweitschlaueste in der Familie war, habe ich damals noch nicht einmal darüber nachgedacht, ob es Adventskalender für Hunde geben könnte. Denn wahrscheinlich hätte ich dann geglaubt, dass so etwas nicht existiert. Hätte das recherchiert und dann, wenn es das vielleicht zu diesem Zeitpunkt wirklich noch nicht gab, erfinden können. Wegen dieser verpassten Chance mache ich mir jetzt Vorwürfe.
Und tröste mich damit: Von der Realisierung dieser Idee hätte ich wahrscheinlich doch wieder Abstand genommen, weil ich nicht an den Erfolg eines solchen Produktes geglaubt hätte. Denn, mal im Ernst: Wer ist so bescheuert, seinem Hund einen eigenen Adventskalender zu kaufen? Bei aller Liebe, so weit geht die Vermenschlichung von Tieren in Deutschland doch noch nicht, oder?
Außerdem wäre das Ganze ja auch in Tierquälerei ausgeartet. Ich meine jetzt nicht die Metallsplitter im Adventskalender für Hunde bei KIK. adventskalender
Nehmen wir einmal an, man hätte gegen alle Wahrscheinlichkeiten Lucky den Sinn der Sache erklären können – spätestens bei der Bescherung wäre er gescheitert. Die gab es bei uns erst, nachdem die Kinder ‚Stille Nacht’ gesungen (was ich ihm in vergleichbarer Qualität noch zugetraut hätte) und fehlerfrei das Weihnachts-Gedicht von Joseph von Eichendorff aufgesagt hatten.
Der arme Hund.