Pro NRW in Leverkusen

Mit der deutschen Tugend „Pünktlichkeit“ hat es Pro NRW scheinbar nicht so. Es ist fast 13:30 Uhr, als wir das Häuflein in Leverkusen-Rheindorf endlich finden. Es ist immer noch im ‚Anmarsch’ zu seiner Kundgebung auf der Felder Straße, die bereits um 13:00 Uhr beginnen sollte. Ich zähle 14 Personen.

Wir fahren vorbei, halten an dem Plakat „Refugees Welcome“ in einem Vorgarten. Wolfgang nimmt das Transparent in den Anschnitt und dreht, was da, locker begleitet von drei Polizisten, auf uns zu kommt.

Einige im Rentenalter, einer im Rollstuhl, für Ewiggestrige trotzdem zu jung. Einige zwischen 40 und 50, um die es einem leid tut, weil sie doch eigentlich ganz normal wirken. Mindestens die Hälfte der Marschierer gehört aber zu der Fraktion, bei der es bei der Geburt scheinbar Probleme mit der Sauerstoffversorgung gab. Eine Frau Mitte 20 mit ungesund weißer Gesichtfarbe, vermummt mit Kapuze und Sonnenbrille, läuft mit verkniffenem Gesicht die ganze Zeit um mich herum und filmt mich von allen Seiten mit ihrem Handy. Scheinbar freut sie sich, endlich mal einen gutaussehenden Kerl vor die Linse zu bekommen. Kann ich verstehen, wenn ich mir ihre Kameraden so ansehe. Ein langer Lulatsch in gleichem Alter, ebenfalls mit Sonnenbrille maskiert, zischt mir im Vorbeigehen zu: „Du kriegst gleich als erster auf die Fresse!“ Kurzfristig verliere ich meine journalistische Distanz und frage ihn „Was willst du Lappen?“ Wahrscheinlich hat er es nicht verstanden, also intellektuell, vielleicht war er auch zu isoliert in dem Moment, die brauchen ja immer vier Leute für einen. Er zeigt jedenfalls keine Reaktion und marschiert weiter.

An ihrem Miet-LKW von StarCar angekommen, der auf einer Straße vor einer Wiese parkt, auf die ein Flüchtlingsheim gesetzt werden soll, packen sie erst mal ihr Equipment aus: Deutschland-Fahnen, deren Stile maximal 2,40 Meter lang sein dürfen. Auflage der Polizei. Ich erwische mich dabei, dass mir gar nicht gefällt, dass solche Vögel meine Fahne schwenken.

Ein Team von der Heute-Show ist auch schon da. Nicht zu übersehen, vier oder fünf Leute, der Comedian trägt eine leuchtendrote Krawatte zum blauen Anzug in ungeputzten Trekkingschuhen. Die gegnerische Mannschaft trudelt auch langsam ein, von Friedensfest in der City von Rheindorf mit Karl Lauterbach und anderen Lokalpolitikern, die aber nicht mehr mitgekommen sind.

Von beiden Seiten der trennenden Polizeikette versuchen einige Akteure, die mit der mangelnden Sauerstoffversorgung gibt es scheinbar auf beiden Seiten, jetzt aggressiv, sich gegenseitig und vor allem die sie trennenden Beamten in der Polizeikette zu provozieren. Was die Polizisten angeht, vergeblich. Die haben solche Demos auch in jungen Jahren schon zu oft erlebt, um sich darüber aufzuregen.

Die Rechten, mittlerweile haben sie die volle Demo-Stärke von 24 Personen erreicht, verkünden Ihre Parolen von der Rednertribüne, das ist die Ladefläche des Starcar-Mietlastwagens. Was sie sagen, versteht man nicht. Trotz Megaphon. Zu laut ist der Krach, den die rund 300 Gegendemonstranten veranstalten. Ein ohrenbetäubende Kakophonie aus Trillerpfeifen, Pressluft-Tröten und anderen Gegenständen. Es sind vorwiegend junge Leute mit und ohne Migrationshintergrund und Alt-Achtundsechziger, die auf dieser Seite aktiv sind. Aber kein schwarzer Block, fast alle friedlich, nur für meine armen Ohren zu laut. Eine Frau Mitte 50 läuft entrückt mit einer Kuhglocke durch die Gegend, auf die sie monoton mit einem Holzklöppel einschlägt. Wahrscheinlich seit vierzig Jahren.

Argumentativ gibt es nichts Neues, beide Seiten sind für ein anderes Deutschland und bemühen demokratische Grundrechte. Was beiden Seiten gemein ist: die Allergie gegen TV-Kameras. Immer wieder gibt es Theater, wenn wir von unserem demokratischen Grundrecht auf das Filmen öffentlicher Veranstaltungen Gebrauch machen wollen.

Entnervt und durchnässt gehen wir zu einem Kiosk in einer Seitenstraße. Draußen stehen ein paar Leute am Stehtisch und trinken Bier, darunter auch meine weißgesichtige Freundin, die mich sofort wieder filmt. Der Kioskbetreiber setzt den Kaffee frisch für uns auf. Er ist Türke, erzählt er, vor vielen Jahren eingewandert: Und verkauft jetzt den Nazis Bier? Essen die bei ihm auch heimlich Döner? „Das sind doch ganz arme Menschen, die tun mir leid. Und Döner gibt es bei mir nicht.“, sagt er. Natürlich nicht vor der Kamera.

Wieder bei der Kundgebung. Ab und zu verstehe ich bei den Schmäh-Gesängen einen Namen: Markus Beisicht. Das ist der Leverkusener Oberbürgermeister-Kandidat von Pro NRW. Ganz in schwarz gewandet, mit einem schwarzem Schirm als Gehstock, gockelt der rechte Rechtsanwalt durch das Areal für seine Anhänger, das die Polizeikette ihm frei hält. Beisicht ist sichtlich stolz auf die Hundertschaften, die ihn schützen müssen, auf die mediale Aufmerksamkeit, die er endlich mal erregt, und wohl auch auf die vielen Gegner, die sich ihm zu Ehren hier eingefunden haben. Er beschwert sich zwar wieder von der Ladefläche, dass über ihn nie berichtet und er nie zu Diskussionen eingeladen wird. Gibt aber keine Interviews, sagen die örtlichen Kollegen.

Aber wenn ein Reporter ihn vor laufender Kamera fragt, ob er sich nicht traut, zu antworten, dann geht es wohl nicht anders… Also, jedenfalls wenn er eine Antwort hätte. Zum Beispiel, was er denn dazu sagt, dass dieses rote Gesindel, durchmischt mit Einwandererpack, ihn trotz des Regens jetzt schon mehr als eine Stunde aufhält, und dass diese Beharrlichkeit und Ausdauer doch eigentlich eine typisch deutsche Tugend sei? Die wir doch in unserer Gesellschaft dringend brauchen? Und ob er diese Verschwendung von Steuergeldern in Form von Arbeitsstunden von Polizeibeamten denn verantworten kann? Er geht nicht darauf ein, erzählt irgendwas von Demokratie.

LEV DEMODie Gegendemonstranten sind immer noch laut, aber immer noch friedlich. Als sich der der Zug der Rechten in Bewegung setzen will, setzen sie sich auf die Straße. Die Polizei scheint ratlos und darauf nicht vorbereitet gewesen zu sein. Obwohl, so ganz neu ist diese Demo-Taktik ja auch nicht …. Eine halbe Stunde lang wird das weitere Vorgehen beratschlagt. Dann wird es mit Ansprachen versucht. Und auf eine mögliche Räumung hingewiesen. Die Demonstranten bleiben sitzen. Ob sie keine Angst vor Blasenerkältungen haben, frage ich zwei junge Frauen. „Eigentlich schon, aber geht ja jetzt nicht anders.“

Apropos. Ich muss den Kaffee wegbringen. Etwa hundert Meter hinter der Wiese, auf der das Heim gebaut werden soll, bieten ein paar Sträucher Sichtschutz. Ich stiefele in die Richtung. Mein Freund, der lange Lulatsch mit der Drei-Euro-Kaufhaussonnebrille, sieht mir nach, bespricht sich mit zwei Kameraden. Zu dritt, das scheint ihnen wohl nicht zu reichen, ich habe ja auch meine breite Motorradjacke an. Sie folgen mir nicht.

Falls die Polizei den Wettergott auf ihrer Seite wähnte, hat sie sich verkalkuliert. Auch ein weiterer heftiger Regenguss vertreibt sie Demonstranten nicht. Es ist fast 16.00 Uhr, offensichtlich will man Bilder einer Räumung friedlicher Demonstranten durch die Polizei für Pro NRW vermeiden. Dann bauen sich Polizeiketten auf, vor und hinter den Demonstranten wird die Straße gesperrt, auch auf der Wiese, etwas zurückgezogen, wird eine Kette gebildet. Soll doch geräumt werden? Der LKW von Pro NRW mit der StarCar-Reklame, gelb auf weiß, wendet mühsam auf der schmalen Straße, der Zug soll jetzt wohl einfach in die andere Richtung abmarschieren. Vielleicht wollte die Polizeiführung den Eindruck eines Kessels vermeiden, wahrscheinlicher hat sie einfach nicht bedacht, dass man nicht nur nach vorne oder hinten und über eine Grünfläche eine SLEV DEMO2traße verlassen kann, sondern auch zur anderen Seite, durch Seitenstraßen und über Hausgrundstücke. Der Zug kommt keine dreihundert Meter weit, da hat die Hälfte der Demonstranten ihn umgangen und sitzt wieder vor dem Häuflein von Pro NRW auf der Straße. Jetzt geht es für den Zoch weder vor noch zurück.

Es regnet wieder, die Diskussionen beginnen von vorn. Die Demonstranten wollen, dass die Nazis abhauen. Die Verhandlungsführer der Polizei argumentieren, dass sie sie dann auch abhauen lassen müssen. Schließlich führt die Staatsmacht die Rechten über einen schlammigen Waldweg um die Straßensperre herum. Während die sich also mit ihren Deutschlandfahnen in die Büsche schlagen, wird bereits die nächste Sitzblockade einige hundert Meter weiter errichtet, wo der Waldweg wieder auf die Straße führt.

Es zieht sich. Polizei und Presse finden es nicht mehr lustig. Gegen 17:45 Uhr, nach Umgehung einer dritten Sitzblockade, hat Pro NRW endlich die Solinger Straße erreicht, wo die Abschlusskundgebung stattfindet. Wieder übertönt vom Trillerpfeifenkonzert. Um 18:15 Uhr ist endlich Ende der Veranstaltung.

Wie sie die Rechten denn jetzt hier wegbekommen, ob die jetzt alle auf die Ladefläche ihres LKW und damit flüchten müssen, frage ich den Einsatzleiter. Er grinst nur. Spricht von der Polizeitaktik, die gegriffen habe, und 500 Gegendemonstranten. Ich habe nur 300 gezählt, aber irgendwie muss er das Chaos ja rechtfertigen.

Nach und nach löst sich alles auf. Ein großer farbiger Typ mit Rastalocken, einer der Wortführer der Gegendemo, geht auf einen der Wortführer von Pro NRW zu. Gibt es jetzt doch noch Theater? Nein, die beiden diskutieren friedlich. Leverkusen nach dem Spiel.

19:30 Uhr, die Polizeibeamten unterhalten sich darüber, dass sie heute wohl doch nicht das leichtere Los gezogen haben: Die Kollegen, die bei der Kurden-Demo in Düsseldorf eingesetzt waren, sind schon im Feierabend.

Wir gehen in Richtung Auto, keine Polizei mehr weit und breit. Freundlich winke ich meinen beiden Lieblingsfreunden von Pro NRW zu, die uns entgegenkommen. Sie filmt mich jetzt nicht mehr, zeigt mir den ausgestreckten Mittelfinger. Ob ihre Aufnahmen nix geworden sind? Er guckt stur durch mich durch. Vielleicht hat er mich durch seine Sonnenbrille auch nicht erkannt, es ist bewölkt und die Abenddämmerung hat bereits eingesetzt.