Kurzkrimi "Burg Altendorf"

BurgSingen und tanzen kann ich nicht. Womit kann ich also zum  “Urkundentag” etwas beitragen? Heute, am 19. Februar 2016, auf den Tag genau 850 Jahre nach der ersten Erwähnung meines Heimatdorfes, könnte ich doch meinen Kurz-Krimi “Burg Altendorf”  hier einstellen. Für diejenigen, die  ihn nicht bei meiner Lesung auf dem Burgfest 2015 gehört haben.

„Verdammt, wo kommt dieses Ding denn jetzt her?“
Kommissar Georg Schüppe blickte sich um. Irgendwo musste doch der Operator für die Drohne stehen, die über dem Burgturm kreiste. Dann bemerkte er Tom Balzack und seinen Kameramann. Die beiden standen etwa 50 Meter entfernt, direkt hinter der Polizei-Absperrung. Neben dem schwarzen VW-Bus von diesem BILD-Reporter. Wenn er jetzt über den freien Platz vor der Burg dort hinüber ginge, befände er sich genau im Schussfeld des Täters. Er wählte die Nummer, die auf seinem Handy eingespeichert war.
„Tom, das ist doch eure Drohne, die da oben über der Burg kreist. Das Ding muss da weg, oder ich lasse es runterholen!“
„Keine Panik, Georg. Wenn Du mir versprichst, mir die mit der Drohne gedrehten Bilder nicht wieder abzunehmen, kann ich Dir interessante Einzelheiten über die Lage dort oben mitteilen.“
„Entweder Du redest jetzt sofort, oder ich lasse das Ding abschießen und euch festnehmen, wegen Behinderung der Polizeiarbeit. Das ist kein Spaß hier.“
„Jetzt mach doch mal halblang. Da oben ist keiner mehr. Außer Heckler und Koch.“
„Wie, Heckler und Koch, wer soll das denn sein?“
„Mann, Georg! Was ist denn mit Dir los? Entspann Dich mal, Ihr habt hier keine Lage mehr. Da oben liegt nur noch einsam und verlassen ein G 36 Sturmgewehr der Firma Heckler& Koch in der Sonne. Solltet ihr mal da wegholen, bekanntlich können die Dinger Hitze nicht so gut vertragen.“
„Balzack, das kann nicht sein. Wie Du vielleicht sehen kannst, ist die ganze Burganlage umstellt. Unten, im Erdgeschoss der Burg, ist der Täter nicht, da haben wir Einblick. Er kann mit seiner Geisel also nur oben auf der Aussichtsplattform sein, sonst müsste er sich in Luft aufgelöst haben. Also erzähle keinen Blödsinn.“
„Georg, Du kannst ja gern zu uns herüber kommen und Dir die Bilder live ansehen, die Maja auf das iPad überträgt.“
„Mach mich nicht wahnsinnig! Wer ist denn jetzt Maja?“
„Mann, so heißt unsere Kameradrohne. Der Akku ist sowieso fast alle, ich lasse sie landen, dann kannst du den Chip aus der Kamera nehmen und Dir alle Bilder selbst ansehen. Glaub mir doch, der Bankräuber und die Geisel sind weg, da oben ist niemand mehr.“
Ohne zu antworten, beendete Georg Schüppe das Gespräch und stöhnte. Dass ein Täter samt Geisel vor den Augen der Polizei verschwand, kam auch nicht alle Tage vor. Aber als Bestätigung dafür hatte er bisher nur die Aussage des Reporters. Er wählte die Nummer seines Assistenten.
„Gültekin, sind Sie hinter der Absperrung? Gut, dann gehen sie doch mal zu diesem schwarzen VW-Bus und lassen sich die Drohnen-Bilder zeigen. Wenn der Täter wirklich nicht mehr oben auf der Aussichtsplattform ist, lasse ich die Burg jetzt stürmen. Ja, ich weiß, dass unsere SEK-Leute in ihrer Montur nur einzeln diese verdammte Wendeltreppe mit ihren 88 Stufen hochkommen. Das Risiko müssen wir eingehen, wir müssen das Kind retten.“
Noch während Oberkommissar Amin Gültekin sich im Bus mit Balzack die Bilder der Drohne anschaute, war Kameramann Harry auf den Gepäckträger auf dem Dach des Multivans geklettert. Als Gültekin quer über den Platz zu seinem Chef rannte, kurz mit ihm diskutierte, brachte Harry seine Kamera in Stellung. Dann sah er auch schon zwei SEK-Trupps auf die Burg zu rennen, glaubte, fast taub zu werden vom ohrenbetäubenden Knall der Blendschockgranate, durch die die Spezial-Einsatz-Kommandos meist ihren Zugriff einleiteten.
Harry schwenkte seine Kamera nach oben, filmte durch die schießschartenkleinen Fenster der Burg Schatten, die durch den Turm huschten. Erst rauf, Richtung Aussichtsplattform, dann wieder runter. Nach etwa fünf Minuten kam der SEK-Einsatzleiter kopfschüttelnd über die Brücke, die sich über den Burggraben spannte. Seine Leute folgten ihm, gingen zu ihren Einsatzfahrzeugen. Machten Scheibenwischerbewegungen mit ihren Händen in Richtung der Medienleute. Harry schaltete seine Kamera aus. Er wusste aus Erfahrung, dass SEK-Leute unangenehm reagieren konnten, wenn man sie beim Abnehmen ihrer Gesichtshauben filmte.

Natürlich hatte Lukas Angst. Er wusste nicht, was Herr Schlüter von ihm wollte. Warum der komische Nachbar von nebenan das alles mit ihm machte. Warum er Lukas, der an den Händen mit Kabelbinder gefesselt war, zum Beispiel jetzt schon seit einer halben Stunde an einem langen Seil durch den niedrigen unterirdischen Gang hinter sich herzerrte, während er gebückt vorwärts hastete. Lukas erschreckte sich zwar jedes Mal, wenn Heinz Schlüter wieder fluchend einen Knochen zur Seite trat oder über einen Totenschädel stolperte. Aber so etwas kannte er aus seinen Videospielen. Und die Knochen waren ja tot. Die Ratten allerdings, die quiekend vor ihnen zur Seite stoben, vor denen hatte Lukas mehr Schiss. Denn die schienen äußerst lebendig zu sein. Sie huschten die Wände hoch und verschwanden in Löchern, die sich alle zwanzig Meter an der Decke des Ganges befanden. Wahrscheinlich Lüftungsschlitze.
Immer wieder guckte der Junge ängstlich nach oben. Ben, sein bester Freund, hatte ihm erzählt, dass die Viecher sogar Abwasserrohre hochkletterten bis in die Toiletten der Häuser und die Menschen dann in den Popo bissen. Hier kam die Gefahr allerdings eher von der Seite oder von oben. Hoffentlich sprangen die ihn nicht an. Unwillkürlich zog Lukas den Kopf noch mehr ein, während er hinter Schlüter herstolperte.
Sie liefen jetzt nicht mehr bergab, der Gang wurde eben, die Luft schlechter. Und muffiger, irgendwie roch es feucht.
Lukas erinnerte sich, wie er in diese aussichtslose Situation geraten war. Eigentlich hatte er nichts falsch gemacht, oder?
Er hatte doch nur in der GENO-Bank kurz vor Feierabend die 50 Euro einzahlen wollen, die Oma ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Danach wollte er mit dem Bus die fünf Haltestellen bis zur Windmühle fahren, wo um fünf das Training beim SVA begann. Stattdessen war plötzlich dieser komische Herr Schlüter in die Bank gestürmt. Der wohnte bei ihnen in der Nähe und fuhr immer mit einem Mofa mit Anhänger durchs Dorf. Sammelte angeblich Schrott, aber Mama hatte gesagt, Lukas solle auf sein Fahrrad aufpassen, wenn der in der Nähe war. Und dieser Herr Schlüter hatte ihm eine ECHTE Pistole an den Kopf gehalten und die Bankangestellte wegen Geld angeschrien. Die Frau ließ die Kohle aus der Kasse in einem der hinteren Räume holen, das dauerte unheimlich lange. Lukas hatte fast nicht geweint, dem Mann zitternd seine 50 Euro angeboten. Aber das reichte dem nicht.
Als vor dem Haupteingang der erste Polizeiwagen eintraf, hatte Herr Schlüter die Frau gezwungen, die dicke Glas-Schiebetür zum hinteren Bereich der Bank zu öffnen und war mit ihm aus dem Nebeneingang gegenüber von REWE verschwunden. Er hatte Lukas ganz fest an der Hand gehalten und gezischt: „Du weißt, dass ich die Pistole in der Jackentasche habe. Eine falsche Bewegung, ein Hilferuf, und Du bist tot!“
Sie waren durch den REWE hindurch und über den Parkplatz rüber zur Burg gegangen. Das Schloss am Eisentor vor der Brücke über den Burggraben war bereits geknackt, war Lukas aufgefallen. Genau wie das vor dem Tor zum Verließ, dass sich rechts vom Haupteingang befand. Herr Schlüter hatte sich kurz umgedreht, ob sie jemand beobachtete, und ihn dort hineingeschoben. Dann hatte er dem Jungen mit Kabelbinder die Hände gefesselt und sich an einer Mauer am Ende des schmalen Raumes zu schaffen gemacht, woraufhin sich ein Durchgang öffnete, der in den Geheimgang führte, durch den sie jetzt schon unheimlich lange stolperten. Bestimmt eine Stunde, dachte Lukas, er konnte ja nicht auf sein Handy mit der Uhrzeit sehen, befand er sich jetzt schon in der Gewalt dieses bösen Mannes. Das Training beim SVA hatte bestimmt längst begonnen.

Lukas spürte, dass Wasser in seine Turnschuhe lief, das durch die Decke tropfte und sich auf dem Boden sammelte.
Die knochentrockenen Stempel, die scheinbar seit hunderten von Jahren den Gang abstützten, waren ab hier mit schwarzem Teer gestrichen. Wahrscheinlich befanden sie sich jetzt unter der Ruhr, dachte Lukas. In dem Geheimgang, von dem Opa ihm erzählt hatte, und von dem nur ganz wenige Menschen in Burgaltendorf wussten.
Im Prinzip handelte es sich dabei um eine Gruppe von neun Altendorfern, die als Jugendliche vor mehr als vierzig Jahren bei Ausgrabungen an der Burg geholfen hatten. Insgesamt waren damals rund 500 Schüler beim Buddeln im Einsatz, aber diese Gruppe hatte den sagenumwobenen Gang entdeckt. Gegenüber dem Grabungsleiter, Professor Eversberg aus Hattingen, hatten sie ein Gelübde ewigen Schweigens darüber ablegen müssen. Der Kreisheimatpfleger wollte diesen Fund erst offiziell den Behörden melden und für die Absicherung des Ganges sorgen, bevor er die sensationelle Entdeckung der Öffentlichkeit mitteilte. Nach dem plötzlichen Tod des Professors hatten sich ‚Die Neun’ verabredet, ihr Wissen nur an jeweils einen ihrer Nachkommen weiterzugeben, damit das Geheimnis nicht wieder über Jahrhunderte verschüttet wurde. Opa hatte es seinem Lieblingsenkel erzählt, letztes Jahr.
„Du bist mit deinen elf Jahren eigentlich noch zu jung, Lukas, aber ich weiß ja nicht, wie das hier ausgeht“, hatte Opa mit leiser Stimme gesagt, als er mit dem Herzinfarkt im Krankenhaus lag und er sich zu ihm auf die Intensivstation geschlichen hatte. Er hatte ihm erzählt, was es mit diesem Geheimgang auf sich hatte. Wo der unterirdische Stollen hinführte, wie gefährlich es an manchen Stellen war. Und wo er einzubrechen drohte. Unter der Ruhr.
Da, wo sie jetzt gerade waren. Das Wasser von oben kam jetzt nicht mehr in Tropfen, es floss wie aus einer Dusche. Auf dem Boden stand ein See, der Lukas bis fast zu den Knien reichte und seine Schritte langsamer machte. „Los, schneller, Du verdammtes Blag“, keuchte Heinz Schlüter und zerrte an dem Seil, so dass Lukas stolperte und fast hingefallen wäre. Zum Glück ging es jetzt wieder bergauf, das Wasser wurde weniger, die Luft besser. Sie waren wohl unter der Ruhr durch. Dann standen sie vor einer Tür.

Sie hatten die Ausrüstung in den Kofferraum gepackt. Harry hatte im Essener Studio angerufen und Bescheid gesagt, dass sie in zwanzig Minuten zum Überspielen der Bilder vom Banküberfall mit Geiselnahme und dem SEK-Einsatz an der Burg vorbei kämen.
Zwanzig Minuten, ja, trotz der langen Staus durch Kontrollpunkte der Polizei überall auf der Ruhrhalbinsel und dem Berufsverkehr auf der Ruhrallee.
Der Kameramann hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie das schaffen würden. Denn wenn sein Chef sich irgendwo auskannte, dann hier. Nur komisch, dass er wieder fahren sollte. Wie immer, wenn Polizei in der Nähe war. Harry wurde den Gedanken nicht los, dass irgendetwas mit Toms Führerschein vielleicht nicht ganz stimmte.
Jetzt gerade lotste er ihn über die Burgstraße in Richtung Dahlhausen. Eigentlich die entgegen gesetzte Richtung. Als sie hinter einigen Kurven, die bergab führten, auf eine lange gerade Straße kamen, wusste auch Harry, wo sie waren. Er spürte, wie der Angstschweiß bei ihm ausbrach. Verdammt, das war doch diese marode Schwimm-Brücke über die Ruhr, über die sie schon einmal einen Bericht gedreht hatten.
Weil die Stadt Bochum nicht wollte, dass LKW darüber fuhren, hatte sie eine Begrenzung eingeführt. Nein, nicht in der Höhe, was gegen LKW Sinn gemacht hätte. Sondern in der Breite. 2,10 Meter klang gut, auch wenn ihr Geländewagen 1,98 Meter breit war. Aber direkt hinter der Brücke, auf Bochumer Seite, verliefen Gleise. Dort standen die Begrenzungspoller so, dass man beim Abbiegen diagonal hindurch fahren musste, was die Fahrspur zumindest gefühlt noch schmaler machte. Entsprechend angetitscht sahen die Poller aus. Es hatten sogar schon Fahrzeuge im Stau mitten auf den Schienen gestanden, weil sich Autos zischen den Pollern festgefahren hatten. Selbst Tom, der den Wagen und die Stelle besser kannte, vermied es nach Möglichkeit, diesen Weg zu nehmen. Und da sollte er jetzt durch.

Harry fuhr im Schrittempo, hatte den Außenspiegel abgesenkt, so dass er aus seiner erhöhten Sitzposition die niedrigen Poller sehen konnte. Jedenfalls auf seiner Seite.
Auf der anderen hatte Tom das Fenster heruntergelassen, den Kopf herausgestreckt und dirigierte ihn. Das Telefon, das natürlich genau jetzt zu klingeln begann, ignorierte er einfach.
„So ist gut, hier hast Du genügend Platz, Harry. Fahr einfach weiter. So, jetzt kannst du einschlagen, wir sind durch.“
Erst jetzt drückte Tom den Annahmeknopf der Freisprechanlage.
„Hallo Georg, was gibt es? Habt ihr das Phantom gefasst? Ist die Geisel wohlauf?“, begrüßte er Kommissar Schüppe.
„Nein, Tom noch nicht. Aber wir wissen jetzt, wer der Täter ist. Und wer die Geisel“, antwortete Schüppe. Seine Stimme aus der Freisprechanlage klang zu ernst für diese erste für die Polizei halbwegs positive Nachricht des Tages, fand Tom.
„Ach, und die Namen willst Du jetzt freiwillig rausrücken?“, antwortete der Reporter mit ironischem Unterton. Harry grinste.
Der Kommissar schien nicht für Scherze aufgelegt zu sein.
„Fahr mal rechts ran, Tom, sonst rede ich überhaupt nicht mehr weiter“, forderte Schüppe.
„Was soll das? Wir haben eine Freisprechanlage, und Harry fährt.“
Weil der Kommissar einfach schwieg, gab der Reporter seinem Kameramann ein entsprechendes Handzeichen. Harry hielt in einer Bucht der schmalen Lewacker Straße und stellte den Motor ab.
„So, jetzt zufrieden?“, fragte Tom.
Er hörte, wie Schüppe tief Luft holte. Dann begann er in förmlichem Tonfall zu sprechen.
„Herr Balzack, ich habe Ihnen eine offizielle Mitteilung zu machen. Da ihr Sohn sich zu einem Geschäftstermin in Asien aufhält und wir Ihre Schwiegertochter ebenfalls nicht erreichen können, muss ich Sie, Herr Balzack, als nächsten verfügbaren Angehörigen von Folgendem in Kenntnis setzen: Ihr Enkel Lukas Balzack ist heute Opfer einer Straftat geworden. Er wurde bei einem Überfall auf die GENO-Bank in Essen Burgaltendorf als Geisel genommen. Der Täter befindet sich seitdem mit Ihrem Enkel auf der Flucht. Ein Zugriffsversuch an der Burg Altendorf verlief erfolglos, wie Sie wissen. Die Polizei hat keinen Anhaltspunkt, wo sich der Täter und seine Geisel derzeit aufhalten.“
Besorgt sah Harry zu Tom hinüber, der leichenblass geworden war.
„Tom, bist Du noch da?“ fragte Schüppe nach ein paar Sekunden besorgt. Der Reporter stöhnte einmal laut auf, dann riss er sich zusammen.
„Ja, natürlich, Georg. Wer ist der Dreckskerl?“
„Es tut mir sehr leid, Tom, dass ich es Dir telefonisch beibringen musste. Aber vorhin, an der Burg, wussten wir selbst noch nicht, wer Täter und Opfer sind. Auf Deinen Enkel sind wir durch die Befragung des Bankpersonals gekommen. Auf den Täter durch Fingerabdrücke auf dem G 36. Bei dem Bankräuber und Geiselnehmer handelt es sich um einen gewissen Heinz Schlüter. Auch, wenn dein Enkel ein Zufallsopfer geworden ist, du kennst dich doch in dem Kaff aus, und dieser Schlüter ist nur etwas jünger als Du. Hast Du eine Idee, wo…“
Balzack unterbrach den Kommissar. „Wie sicher seid Ihr, dass er wirklich mit Lukas in der Burg war?“
„Ganz sicher. Denk an das G 36. Das lässt doch kein Tourist dort liegen, der die Aussicht genießen will. Die Frage ist: Wohin ist der mit Deinem Enkel verschwunden?“
„Ich muss nachdenken, Georg. Ich rufe Dich gleich zurück.“
„Okay, lass Dir nicht zu lange Zeit“, antwortete Kommissar Schüppe und legte auf.

Ausdruckslos starrte Tom einen Moment aus dem Fenster. Die Sonne funkelte über der Ruhr, ein paar rote Kanus tanzten in der Strömung. Schlüter war in der Burg gewesen, das stand wohl fest. Die Burg war blitzschnell umstellt worden. Dann gab es nur einen Weg raus.
Heinz Schlüter war damals nicht dabei gewesen, als Altendorfer den Gang unter der Ruhr gefunden hatten. Aber er schien davon zu wissen. Hatte mal beim fünfzehnten Bier bei Brauksiepe von einem uralten Familiengeheimnis gefaselt, das mit der Burg zusammenhing. Tom hatte dem keine Bedeutung beigemessen. Schlüter war sowieso nicht sein Typ. Vor Jahrzehnten hatte der in einem Hauseingang auf der Mölleneystraße nachts im Suff einen umgelegt und ein paar Jahre im Knast verbracht. Was er seitdem getrieben hatte, wusste niemand so genau, als er vor ein paar Jahren wieder im Dorf auftauchte und in das Haus seiner verstorbenen Großeltern zog. Aber wenn Schlüter von dem Gang wusste…
Gegenüber, auf der anderen Ruhrseite in der Gaststätte ‚Zum Ponton’, genossen verschwitzte Radfahrer ihr Weizen im Schatten der Sonnenschirme. Das Leben könnte so schön sein.
Ausgerechnet Lukas. Der cleverste seiner Enkel, ja, aber auch der feinfühligste. Tom schüttelte sich und öffnete die Beifahrertür. Ohne zu fragen, stieg Harry ebenfalls aus. Wenn es wirklich ernst wurde, fuhr Tom immer selbst.
Mit Tempo 90 bretterten sie am Eisenbahnmuseum entlang, schleuderten in den Kurven über das Kopfsteinpflaster der Straße, die steil bergan nach Steele führte.
„Wo wollen wir hin? Soll ich Schüppe zurückrufen?“, fragte Harry.
Tom schüttelte energisch den Kopf. „Noch nicht. Wir brauchen einen Vorsprung. Schlüter ist wahrscheinlich auf Haus Horst. Oder auf dem Weg dorthin. Wenn der die Bullen sieht… der hat schon mal einen umgelegt. Kann sein, dass ich heute Deine ganz besonderen Fähigkeiten brauche. Und damit meine ich nicht die an der Kamera.“

Sie befanden sich jetzt in einer Art Museum. Lukas blickte sich erstaunt um. Überall standen uralte Foto-Kameras herum. Auf pultähnlichen Tischen, auf alten Holzstativen. Und auf einem Alustativ… ein Lächeln huschte über Lukas Gesicht, schon bevor er den Aufkleber „broadfacts.tv“ auf der modernen Sony-Fernsehkamera sah, die hier wie ein Fremdkörper wirkte. Das rote Lämpchen blinkte, wie immer, wenn die Mühle auf „Aufnahme“ stand. Das war eine Botschaft. Tom und Harry waren hier. Na, geht doch, dachte Lukas erleichtert.
Herrn Schlüter schienen die Exponate des Kameramuseums nicht zu interessieren, die moderne Kamera unter den historischen Exemplaren fiel ihm nicht auf. Er eilte an ein Fenster und blickte in den Hof.
„Mist, SEK“, fluchte er.
„Das wird wohl nicht Ihr größtes Problem sein, Herr Schlüter“, schrie Lukas unvermittelt. Er musste den Mann ablenken. Schlüter wirbelte zu ihm herum, richtete die Sig-Sauer, die er in der Hand hielt, auf den Jungen.
„Ach ja? Du Drecksblag mit deinem tollen Vorstands-Vater und Reporter–Opa hältst Dich wohl für besonders schlau? Mit Dir habe ich die längste Zeit Geduld gehabt!“
„Und ich mit Dir, Heinz Schlüter!“ ertönte eine Stimme hinter ihm. Sie klang etwas dumpf und blechern. Was auch kein Wunder war, da sie aus dem Inneren einer Ritter-Rüstung kam, die mit hoch erhobenem Schwert wohl als Deko in der Ecke stand. Während Schlüter sich noch erstaunt mit seiner Waffe dem Ritter zuwendete, sauste das zwar relativ stumpfe, aber doch immerhin 1,5 Kilo schwere Schwert auf die Hand mit der Pistole herab, während gleichzeitig ein Wurfmesser in den Oberschenkel von Heinz Schlüter eindrang und Harry auf ihn zuhechtete.
„Ups, Herr Schlüter!“, war Lukas letztes Wort, bevor er selig grinsend bewusstlos zu Boden sank.

Schüppe und Balzack standen am Fenster und blickten in den Burghof. Lukas saß dort auf einer Krankentrage im RTW und unterhielt sich munter mit Kameramann Harry.
„Wahrscheinlich bittet er ihn gerade, ihm das Messerwerfen beizubringen“, vermutete Balzack. „Hat sich mal wieder ausgezahlt, dass Harry in seinem früheren Leben im Zirkus gearbeitet hat und sein ‚Besteck’ immer in der Tontasche mitführt.“
Schüppe seufzte. „Alles noch mal gut gegangen. Aber warum hast Du mich nicht zurückgerufen, Tom?“
„Erstens brauchte ich einen Vorsprung vor der Polizei. Hatte ich ja wohl auch Recht mit, Schlüter hat eure Leute schließlich sofort gesehen. Mit einem Überraschungs-Zugriff wäre das wohl nichts geworden.“
Schüppe nickte gequält.
„Außerdem hat mein Sohn, der große Vorstandsvorsitzende, Lukas doch diesen Ortungs-Chip implantieren lassen, wegen der Entführungsgefahr. Darüber musstet ihr ihn doch auch finden.“
Der Kommissar zuckte die Achseln.
„Hat wohl alles nicht so geklappt. Diese Ortungs-Chips scheinen nicht für jahrhundertealte Geheimgänge unter der Ruhr gemacht worden zu sein…. Wenn ich nicht in der Burg diesen Zugang zu dem Stollen gefunden und dort diesen Herrn Bonnekamp getroffen hätte, der mir gesagt hat, wo der Gang enden könnte, dann wären wir jetzt noch nicht hier. Dieser Schlüter, hat der damals eigentlich auch zu der Ausgrabungs-Gruppe gehört?“
Tom schüttelte den Kopf. „Nein, aber es gibt wohl uralte Unterlagen, wonach eine Familie Schlüter vor 700 Jahren ein großes Gehöft in Altendorf hatte und die Frondienste beim Graben des Ganges geleistet haben. Das uralte Haus von Heinz Schlüter steht auf dem Gelände dieses Hofes. Da sie den Schlütersbusch bestimmt nicht nach ihm benannt hat, scheint er also ein Nachfahre dieser Schlüters zu sein. Die müssen dieses Geheimnis mit dem Geheimgang in ihrer Familie überliefert haben, bis heute.“
„Unglaublich, was es alles gibt.“, antwortete Schüppe, als sein Telefon klingelte. Ein ganz kurzes Gespräch, der Kommissar hörte nur zu, runzelte die Stirn, sagte kurz ‚Kollateralschaden, soso’, und legte auf.
„Schlechte Nachrichten für die Landeskasse, Tom.“, informierte er den Reporter: „Der SEK-Panzer hat die Schwimmbrücke bei seiner Überfahrt irreparabel zerstört. Jetzt wird sich wohl das Land NRW die Kosten für den Neubau komplett ans Bein binden müssen.“
Dann wechselte er das Thema: „Sehen wir uns eigentlich am Wochenende in der Arena?“
Bedauernd schüttelte Tom Balzack den Kopf: „Ne, Georg, dieses Mal muss der S04 ohne mich gewinnen. Burgfest in Altendorf / Ruhr. Für mich ein Pflichttermin.“