Criminale – Wie eine Geschichte entsteht

Hier zunächst der Text, unten erkläre ich seine Entstehungsgeschichte:

Das passte nicht in Henks Plan. Gar Nicht. Er wollte den Teppich gerade zum Lieferwagen auf der anderen Straßenseite tragen, als sich eine Gruppe seltsamer Menschen vor dem Laden in der Marburger Fußgängerzone aufbaute. Zunächst stach ihm die Farbe Orange ins Auge, er dachte an eine Gruppe übriggebliebener Bhagwan-Jünger, die dort ihre Sanskrit-Mantras anstimmen wollten. Als Henk genauer hinsah, erkannte er, dass es orangefarbene Schilder waren, die diese merkwürdigen Menschen in die Höhe hielten. Er steckte den Kopf kurz aus der Tür, um zu lesen, was auf den Zetteln stand. Keine gute Idee, eine Alkohol-Wolke nahm ihm fast den Atem. Henk schloss die Tür und fluchte. Garantiert war diese Demo nicht angemeldet, wahrscheinlich nur so ein Flash-Mob gelangweilter Altachtundsechziger. Gleich würde die Polizei erscheinen, diese Horde von Trunkenbolden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses abführen. Und wahrscheinlich auch in den Laden kommen, um nachzufragen, ob man sich von den Verrückten gestört gefühlt hätte. Für eine Anzeige wegen ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ bedurfte es eines Erregten, das wusste Henk. Schließlich hatte er mal Jura studiert und Rechtsanwalt werden wollen, bevor er den erheblich lukrativeren Job als ‘Problemlöser’ angenommen hatte.  Wahrscheinlich kannten die Beamten, die hier in Kürze aufschlagen würden, den Ladeninhaber sogar.  In so einem Kaff kannte ja jeder jeden. Ihn würden sie nicht kennen, das würde die Beamten mißtrauisch machen. Sie würden nach Uwe Schremms fragen, der in seinem Teppich schon deutlich vor sich hinmüffelte. Bei genauerem Hinsehen würden sie auch die Blutspritzer bemerken, die rund um den Schreibtisch bereits eingetrocknet waren, sich nur noch mit Bleichmittel entfernen liessen. Und der Recyclinghof, wo er die Leiche unauffällig entsorgen wollte, hatte nur noch eine halbe Stunde geöffnet. Mann, Mann, Mann, er musste hier raus. Henk kramte in seinen Manteltaschen und zählte seine Ersatzmagazine. Am besten, er würde diese Randalierer alle umlegen und sich in dem dann entstehenden Chaos aus dem Staub machen. Ja, so könnte es gehen.

Ich werde ja immer wieder gefragt, wie wohl jeder Autor, woher ich die Ideen für meine Texte nehme. Meine Standard-Antwort lautet dann meist “Ich denk mir doch nix aus!” Meistens sind es einzelne Geschichten, die sich so oder ganz ähnlich auch ereignet haben, als langjähriger Polizeireporter hat man ja schon einiges erlebt. Ich setze diese Taten dann zu neuen Geschichten zusammen, spinne eine Rahmenhandlung darum herum. Aber natürlich bedarf es eines Anstoßes dazu, meist sind das Bilder. Ich kann euch das hier mal einem Beispiel verdeutlichen.

Momentan findet in Marburg die Criminale statt, das ist die jährliche Veranstaltung von “Das Syndikat”, der Vereinigung deutschsprachiger Kriminalschriftsteller. Ich wäre natürlich auch gern dabei gewesen, deshalb schaue ich mir z.B. auf facebook natürlich  zwischendurch die Posts dazu an. Gestern mittag haben die Krimiautoren in der Marburger Innenstadt einen Flashmob veranstaltet, Zettel mit “Ich bin unschuldig” in die Höhe gehalten. Und das mit solchen Fotos (geklaut bei Ulf Kartte) dokumentiert:

CriminaleIch sehe mir das Bild an, und sofort geht die Assoziationskette los: Neidisch, dass die Kollegen am hellichten Tag da auf dem Marktplatz rumlungern können. Ich muss mal wieder arbeiten. Der Teppich-Händler im Hintergrund (Firmenschild am rechten Bildrand) bestimmt auch. Was wird der wohl über diese Gaga-Aktion vor seinem Laden denken? Ich, immer noch neidisch, versuche mich zu trösten: Vielleicht kommt ja gleich noch nen Mord rein, passiert Freitags nachmittags ja gern mal. Ich kann dann dort für’s TV drehen, live und in Farbe Anschauungsmaterial für meine Romane sammeln. Während die Autoren-Kollegen in Marburg davon nichts mitbekommen. Halt, apropos, was wäre denn, wenn im Teppichladen ein Mord passiert wäre, während die draussen ahnungslos flashmobben? Vor gar nicht so langer Zeit (fünf Jahre sind für mich, den Highlander, nur ein Fingerschnipps) gab es doch im Rheinland mal diesen Teppichmord, der unter anderem deshalb ans Licht kam, weil es dem Täter nicht gelungen war, die in den Teppich eingewickelte Leiche rechtzeitig zu entsorgen… Und zack, fließt mir die oben gelesene Geschichte aus der Feder. Noch nicht ausgefeilt, vielleicht für nix gut, aber so kommen mir die Ideen.


 

 

 

 

Der Flugpanzer

Einen kurzen Moment lang hatte Tom Balzack die Sorge, dass sein Flugpanzer auf die lautstarken Rückrufe aus Wolfsburg reagieren, sich wie von Geisterhand in Fahrt setzen und dem Lemmingszug  in Richtung Werkstatt anschließen könnte. Als er aber aus dem Fenster der Redaktion am Waldesrand blickte, sah er den Volkswagen dort unbeeindruckt in Ruhestellung verharren. Der Reporter wusste: Nur ein Knopfdruck, und das Dieselherz des schwarzen Tieres würde zu grollen beginnen. Ein kurzer Tritt mit dem Fuß, er würde wie ein Stier nach vorn stürmen, gierig auf weitere Abenteuer mit Tom und Harry.
PS: Hatte ich eigentlich schon die Sache mit meinem Führerschein erwähnt?