Fronleichnam

Die Geschichte begann eigentlich schon gestern. Beziehungsweise vor 28 Tagen, als ich meinen Führerschein für vier Wochen in Verwahrung geben musste. Das war nicht so schlimm wie befürchtet, weil wir entweder meist in Westfalen gedreht haben, dann hat Niko mich in Dortmund eingesammelt, oder H. hat mich mitgenommen und in Essen unweit meiner Redaktion rausgeschmissen. Hat erstaunlich gut geklappt, bis gestern. Da hatte H. einen Termin in der Innenstadt und anschließend Spätdienst, ich  wäre erst nach 10:00 Uhr in der Redaktion gewesen. Also sind wir um 07:20 Uhr losgefahren, um 07.40 Uhr hat sie mich an einer der Bushaltestellen vom Dortmunder Hauptbahnhof, deren Existenz sie ja immer geleugnet hat,  ausgesetzt. Niko hatte mir ausführlich erklärt, wie das mit den Fahrscheinautomaten funktioniert und von welchem Bahnhof ich mit welchem Regionalexpress nach Essen fahren kann. Hat auch gut geklappt. Das Raucherabteil habe ich zwar nicht gefunden, aber einen Sitzplatz in Fahrtrichtung ergattert. Das ist wichtig, denn: Wenn man gegen die Fahrtrichtung sitzt, guckt man in die Vergangenheit – an allem, was man beim Blick aus dem Fenster sieht, ist man in dem Moment ja schon vorbei. Einsichten, die mir ohne diese Zugreise nie gekommen wären. In meiner Heimatstadt kenne ich mich aus, in Essen schwupps in den Schnellbus SB 15 gesprungen, noch mal sieben Minuten zu Fuß von der Haltestelle aus. Ist zwar doof, weil ich mir irgendwie die Verse aufgeschrappt habe und das vom Laufen nicht besser wird. Egal, um 08:45 Uhr war ich nach nicht einmal eineinhalb Stunden in der Redaktion. Je nach Strecke sind das mit dem Auto zwischen 35 und 38 Kilometer, dafür benötige ich morgens 40 und abends 35 Minuten. Aber man wird ja demütig.

Vielleicht hat mich diese Erfahrung auch übermütig gemacht. Jedenfalls wollte ich gestern mal zwei Sachen ausprobieren: Wie geht ein Acht-Stunden-Tag, und wie funktioniert das ohne Auto in umgekehrter Richtung, von E nach DO? Na gut, ich habe wieder etwas geschummelt. Der liebe Niko hat mich also um kurz nach siebzehn Uhr nach Steele gefahren.

Von dort juckele ich mit der S-Bahn, wieder ohne Raucherabteil, aber mit Sitzplatz in Fahrtrichtung, über Wattenscheid-West, Wattenscheid, Ehrenfeld, Bochum HBF, Langendreer, Oespel, Kley … Mit schönen Ausblicken in Vorgärten, wo Männer Rasen mähen oder Autos waschen. In meinem Abteil sitzen junge Frauen mit Kopfhörern, schauen aus dem Fenster oder lesen Bücher. Leider nicht meine.  Manchmal geht es entlang der  verstopften A 40,  wo wir normalerweise um diese Zeit noch im Stau auf dem Rückweg zur Redaktion stecken. Zwei Araber stehen an der Tür und diskutieren laut in einer mir fremden Sprache. Im Indupark sehe ich genervte Menschen bei der Parkplatzsuche für Feierabendeinkäufe. Ich fühle mich wie der „man on the train“ und denke, dass ich die Zugszene in „Die Abdreher“ intuitiv (und ohne seit vierzig Jahren mit einem Schienenfahrzeug unterwegs gewesen zu sein) ganz gut beschrieben habe. Hinter mir erklärt eine Mutter ihrem Kleinkind: „Wir fahren nach Hause, nach Dortmund.“

An der Uni raus, das nächste Verkehrsmittel: Die H-Bahn. Das ist eine Schwebebahn für Studenten, komisches Gefühl, so hoch über allem. Zwei Stationen weiter in Eichlinghofen hält sie fast vor meiner Haustür. Menschen hetzen in den REWE. Es ist erst 18.30 Uhr, was mache ich mit dem angebrochenen Nachmittag? H. kommt frühestens in einer Stunde.

GartenIch könnte sie überraschen und den Rasen mähen. Prima Idee, endlich wieder selbst ein Fahrzeug lenken. Die Ferse schmerzt zwar von der ganzen Rumlatscherei, aber im Garten trage ich offene Sandalen. Gedacht, getan, Fehler. Ganz unten, am Weinfass, in dem sich das Regenwasser sammelt, das wir nie benutzen, der Mückenzuchtstation also, sticht mich ein Vieh ins Auge. Verdammt, juckt das, aber ich mähe weiter.

Heute morgen, der Wecker klingelt wie immer um 05:55 Uhr, ist das Lid des linken Auges so angeschwollen, dass ich es nicht öffnen kann. Ich taumele in die Küche, der Gleichgewichtssinn ist weg, fühle mich wie betrunken, dabei habe ich gestern Abend nur Mineralwasser zu mir genommen. Ich verstreue den Kaffee, ohne das zweite Auge kein räumliches Sehvermögen. Fronleichnam ist kein bundesweiter Feiertag, H. hat Frühdienst. Was soll ich allein in unserem Haus in Dortmund, wie  festgetackert ohne Auge und ohne Auto? Dann verbringe ich den Tag doch lieber in meiner Redaktion. Da  gibt es immer was zu tun, und vielleicht kommt sogar noch ein Dreh reingeflogen.

Wir müssen eigentlich um sieben Uhr los. Also Kaffeetrinken, Katzenwäsche, duschen und rasieren kann ich mich auch in der Redaktion. Trotzdem zu spät dran, auch mit ohne Staus sind wir erst um 07:40 Uhr in Essen. H. kann mich nicht bis zu meiner Redaktion fahren, wenn sie pünktlich kommen will. Sie setzt mich an der Haltestelle „Huttropstraße“ ab. Für Eingeweihte: Das ist an der Ruhrallee zwischen Ruhrturm, früher Ruhrgas, und derA-52-Auffahrt. Dort hält der Schnellbus SB15, mit dem ich ruck-zuck in Burgaltendorf bin. Ich kenne den Fahrplan nicht, aber wenn es ein paar Minuten dauert, kann ich wartend in Ruhe eine rauchen. Darf man in H.s Auto morgens nämlich nicht. Schönen Arbeitstag, Dir auch, wir telefonieren, bis heute abend. Weg ist sie.

Die elektronische Anzeigentafel sagt: Linie 155 nach Kupferdreh in 19 Minuten. Aber was ist mit dem SB 15? Ich schaue auf den Fahrplan. Sonn- und feiertags kommt der erste Schnellbus um 12:36 Uhr. Mist. Da hatte ich jetzt nicht mit gerechnet. Fonleichnam1Vielleicht nur alle zwanzig oder dreißig statt alle zehn Minuten, aber morgens überhaupt nicht… Was tun? Nach  Kupferdreh fahren? Von dort fährt ein Bus nach Burgaltendorf, aber der verkehrt meines Wissens wochentags schon nur stündlich. Müsste ich dort wieder ewig warten. Trampen? So wie ich aussehe, unrasiert, fettige Haare, Blötschauge, wie von der letzten Nacht ausgespuckt – ich würde mich auch nicht mitnehmen. Taxi? Ziemlich teuer, von hier bis zur Redaktion sind es noch rund zehn Kilometer. Und unsportlich. Taxi gildet nicht. Das schaffe ich auch anders!

Bleibt nur der Bus 155. Ich lege dem Fahrer falsche Geldstücke hin, er ist genervt.

„Ich kann nicht richtig gucken, mein Auge ist zu.“

„Schon klar.“

Nach 3,8 KilometFronleichnam2ern, verteilt über vier Haltestellen, steige ich am  Annental aus. Ich torkele über die Ampel an der Westfalenstraße, der fehlende Gleichgewichtssinn, hoffentlich sieht mich keiner, der mich kennt. Neben der Konrad-Adenauer-Brücke führt ein Wanderweg über die Ruhr. Dann mal los. Die schmerzende Ferse wird einfach wegignoriert. So eine schöne Landschaft, und so still. Na ja, ist ja immer noch kaum jemand unterwegs. JetzFronleichnam4t kommt auch noch die Sonne raus, es wird schnell wärmer. Vor einer Stunde, als wir in DO losgefahren sind, war die schwere Lederjacke temperaturtechnisch noch angemessen.Fronleichnam3 Immer wieder bleibe ich stehen, natürlich nur, um mit dem Handy Fotos von der Idylle an der Ruhr zu knipsen. Als Beweis, dass wir uns nicht im Sauerland oder im Albmühltal befinden, nehme ich den Förderturm der vor 48 Jahren geschlossenen  Zeche Heinrich mit ins Bild. Ich muss an Tom Balzack denken und den Spruch: “WerFronleichnam5 noch einmal Förderturm sagt wird erschossen“. Beim Posten der Fotos auf facebook vertippe ich mich ständig beim Begleittext, im torkelnden Gehen und mit nur einem Auge ist das schwierig. Ich  transpiriere leicht. Über das Gewicht von zwei Rechnern und mehreren Büchern in der Laptop-Tasche habe ich mir zuvor noch nie Gedanken gemacht.

Am Ende der Brücke sind es immer noch vier Kilometer, jetzt durch Wohngebiete. Es ist 08:50 Uhr. Nirgendwo hängen Fronleichnams-Fahnen. Macht man das nicht mehr, oder führt die Prozession hier nicht vorbei? An keinem der Gebäude befindet sich eine Fahnenhalterung, stelle ich fest. Vorm Discounter hat sich eine Schlange gebildet. Ein angeleinter KöteFronleichnam7r kläfft mich an,  Frauchen kauft Brötchen in der LIDL-Bäckerei. Ich wechsele die Straßenseite. Auf dem Bürgersteig steht eine leere Jägermeister-Flasche, hoffentlich hattet ihr Spaß.  Vor einem Reihenhaus haben sich fünf Motorradfahrer getroffen, trinken an ihren Maschinen noch einen Kaffee vor der Tour. Hätte ich jetzt auch gern. Irritiert blicken sie auf den dicFronleichnam8ken Mann mit der Belstaff-Jacke, dem zugekleisterten Auge über den Bartstoppeln, den wirren Haaren, der mit schiefer Schulter (wegen der Computer-Tasche) schweißüberströmt an ihnen vorbei wankt. Ich hingegen muss an Rocky II denken, den Lauf durch New York, bei dem die Passanten den schwitzenden Boxer abklatschen. Nun ja. Ein paar Häuser weiter trägt ein kleines Mädchen gerade Strandspielzeug zum Zafira. Der Vater steht mit einer Reisetasche an der Haustür. Als er mich sieht, ruft er das Kind zurück. Es heißt Paula.

Raus aus dem Wohngebiet, hinein ins Grüne. Jetzt noch den Berg hinunter, dann bin ich da. Ich kann schFronleichnam9on meine Farm erahnen. Rosa und lila strahlen die Blüten der Rhododendren durch die Blätter des Waldes. Als ich näherkomme, sehe ich, dass sich die Befestigung der Schalke-Fahne über Nacht gelöst hat. Sie hängt jetzt quasi auf halbmast, kein gutes Omen. Die Wiese muss mal wieder gemäht werden. 09.16 Uhr, ich klappe die BlendFronleichnam10läden auf, ich bin da. Nach genau zwei Stunden.

Meine Mutter steht im Hof. „Willst Du nicht endlich mal wieder mitgehen  zur Fronleichnams-Prozession?“„Habe ich schon hinter mir.“ Wenige Minuten später kommt Niko mit meinem Auto angefahren. telefacts.tv ist arbeitsbereit.

Morgen, am Freitag, kann ich mir meine Fleppe wieder abholen. Und ab Samstag, 00:01 Uhr, darf ich auch wieder Auto fahren.