Der Pokal hat seine eigenen Gesetze

Eine „62jährige Essenerin“ ist in der Essener Innenstadt beim Geldabheben beobachtet, verfolgt und vor der Einfahrt zu einer Tiefgarage überfallen worden. Der Tatort  lag in Sichtweite des Polizeipräsidiums, „die Tiefgarage an ihrem Arbeitsplatz“. Dort hat ein Mann aus einer Gruppe von insgesamt vier Personen die unverschlossene Beifahrertür des Autos geöffnet und versucht, eine Handtasche vom Beifahrersitz zu entwenden. Aufgrund der lauten Hilfeschreie der Frau blieb es beim Versuch, die Täter flüchteten. Ich habe mich bei der Schilderung des Tatablaufs an den Polizeibericht gehalten. Darin ist an keiner Stelle von einem bewaffneten oder unbewaffneten Angriff auf das Opfer die Rede. Trotzdem schreibt die Polizei aber von einem „Raubüberfall“. Ein Raub setzt aber Bewaffnung oder Gewaltanwendung des Täters voraus, davon ist im Bericht nicht die Rede. Es scheint sich viel mehr um einen einfachen Diebstahl zu handeln, der Wegnahme eines Gegenstandes aus einem unverschlossenen Behältnis – der zudem noch im Versuch stecken blieb. Tatzeit war Dienstag, der 26. 07.16, gegen 12:15 Uhr. Drei Tage später, am 29.07.16, veröffentlichte die Polizei erste, unscharfe Lichtbilder. Heute, am Montag,  08.08.16 schob sie ein gestochen scharfes  Foto eines der mutmaßlichen Täter aus einer Überwachungskamera nach.

Eine gute Stunde vorher hatte die Polizei heute bereits das Foto eines anderen Verdächtigen veröffentlicht. Dieser Mann soll aus einem zuvor aufgebrochenen Opel Corsa eine Tasche mit Kreditkarten gestohlen und dann mit den Karten Geld abgehoben haben. Dabei wurde er fotografiert,  an einem Essener Geldautomaten. Es ist also ein Schaden entstanden, dem Karteneigentümer oder dem Geldinstitut. Am 25.Januar 2016 gegen 13.00 Uhr.

Fällt euch etwas auf? In dem einen Fall dauert es drei Tage, in dem anderen länger als sechs Monate, bis das Fahndungsfoto veröffentlicht wird. Die zweite Variante ist der typischere zeitliche Abstand zwischen Tat und Foto-Fahndung.

„Warum bringt ihr die Bilder nicht zeitnah? Nach mehreren Monaten, gar einem halben Jahr kann sich doch kein möglicher Zeuge mehr an so einen Menschen oder Einzelheiten erinnern!“, fragen wir Journalisten die Beamten, natürlich nicht nur in Essen, immer wieder. Die Polizeisprecher verweisen dann darauf, dass es an ihnen nicht läge, aber es bedürfe eines richterlichen Beschlusses für die Lichtbild-Fahndung. Und das dauere eben. Wenn man bei Richtern nachhakt, argumentieren sie damit, dass eine Veröffentlichung den Anforderungen an den Datenschutz genügen müsse, das  müsse sorgfältig geprüft werden. Und das dauere eben.

Und warum mahlen die Mühlen bei Polizei und Justiz in unserem Ausgangsfall plötzlich im Rekordtempo? Warum werten die einen die Überwachungskameras so schnell aus, geben die anderen so schnell die Genehmigung für die Lichtbildfahndung? Schließlich dürfte es sich lediglich um einen versuchten Diebstahl handeln, bei dem niemand zu Schaden kam, weder körperlich noch materiell. Genau mit dieser Begründung werden solche „Bagatellfälle“ normalerweise nicht groß verfolgt und wegen Überlastung der Behörden schnell eingestellt.

Im Polizei-Pressebericht stand übrigens nicht, dass es sich bei der „62jährigen Essenerin“ um eine Richterin handelt. Zum Glück werden vor Gericht alle Menschen gleich behandelt. Vor der „Tiefgarage an ihrem Arbeitsplatz“ dann anscheinend nicht mehr.

Wenn ich die Polizei zu diesem Sachverhalt jetzt offiziell anfrage, wird sie mir offiziell antworten, dass man nicht anders ermittele als in vergleichbaren Fällen. Die Brisanz läge mitnichten im Beruf des Opfers, sondern darin, dass es sich dem Anschein nach um eine internatioal agierende Bande mit hoher krimineller Energie handele.

Ich hingegen behaupte: Die aufwendige Auswertung von Kameras beim Kreditinstitut und an der Tiefgarage, durch die man erst feststellte, dass es wohl weitere absichernde  Täter gab, wäre in einem “normalen” Fall von versuchtem einfachen Diebstahl erst gar nicht erfolgt. Es ist das Eindringen der Kriminalität in die räumliche und persönliche Lebenswelt, die diesen Fall für Polizei und Justiz so brisant machen. Wie es ein Ermittler einmal ausdrückte: “Erst wenn ein zuständiger Richter mal Opfer eines Einbruchs oder eines Straßenräubers wird, wird es auch für auf frischer Tat festgenommene Mehrfachtäter endlich mal Untersuchungshaftbefehle geben.”

Die letzte Passage würde natürlich keine Zeitung drucken, kein Sender ausstrahlen – weil nicht mit Fakten nachweisbar. Als Journalist hat man normalerweise keinen Zugriff auf Ermittlungsakten, die die schnelle Verfahrenseinstellung in vergleichbaren Fällen belegen würden.

Deshalb schreibe ich Bücher.

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