Sankt Martin

Der Mann tat Tom Leid. Er saß auf der zweituntersten Stufe der Treppe neben dem unteren  Eingang vom Kaufland in Barop, da wo die Autos parken und wo sich auch der Getränkemarkt befindet. Es war kurz vor elf Uhr morgens, er hatte eine halbleere Flasche Dortmunder Kronen in der Hand, einen komischen Hut auf, und er schien zu frieren.

Heute war St. Martin. Der Gedenktag des Bischofs von Tours, der als römischer Offizier seinen Mantel mit dem Bettler im Straßengraben geteilt hatte. Vielleicht war das ein Zeichen, dachte Tom. Spontan zog der Reporter seine Lederjacke aus, leerte die Taschen und hielt sie dem Mann  mit fragendem Blick hin. Der Mann sah Balzack erst verständnislos an, zeigte dann nach rechts, Richtung ATU. „Hömma, bin ich hier die Auskunft? Wennse den Altkleidercontainer suchst, der is irgendwo dahinten, da kannste Deinen Lumpen reinschmeissen!“

Arschloch.

Wie spricht der über meine Lederjacke, dachte Tom.  Sie war mal schwarz gewesen, und preiswert und ziemlich steif. Vom langen Tragen war sie jetzt weich wie Penisleder. Mittlerweile abgeschabt, mehr grau und braun als schwarz. Das Innenfutter eigentlich gestreift, aber mit der Tinte eines ausgelaufenen Filzstiftes gesprenkelt. Das würde man allerdings nur sehen, wenn Tom die Jacke mal ausziehen würde. Was selten passierte. Anfangs war sie etwas zu weit gewesen, mittlerweile passte sie wie angegossen. Na gut, die Ärmel waren immer noch etwas zu lang, aber das ersparte im Winter die Handschuhe.

In dieser Jacke hatte er geschwitzt vor Angst, als der Itaker bei der Spurensuche nach den Mafiamorden in Duisburg die Wumme dauf gehalten hatte. Er hatte darin gefroren vor Kälte, wenn er an einem warmen Herbstmorgen im Ruhrgebiet noch nicht wusste, dass er nachmittags im Sauerland im Schneetreiben vier Stunden vor einem Mordhaus warten musste. Der Kaffee, darüber gekleckert während der Fahrt durch Schlaglöcher, hatte kaum Spuren hinterlassen. Die Pommes ein paar unbedeutende Fettflecken. Auf der Rückseite war das Leder etwas abgeschabt. Da war die Schüppe von dem Pizzaboten, der in den Salat gespuckt hatte, entlang geschrappt, als er eigentlich auf die Kamera einschlagen wollte, weil sie ihn gefilmt hatten. Wenn diese Jacke erzählen könnte…

Das Beste an ihr war aber der Eigengeruch, den sie im Laufe der Jahre angenommen hatte. Tom würde sie im Dunkeln und blind erkennen. Die riecht nach, nach… einfach unverwechselbar gut. Nach ihm eben.

Eigentlich hat er mir ja einen Gefallen getan, dachte Tom.

Dieser ignorante Penner auf der zweituntersten Stufe vorm unteren Eingang des Baroper Kauflands, der seine Lederjacke jetzt zum Glück nicht haben wollte, trug übrigens so einen leichten Bergsteigerparka, mit gelben Tatzen darauf, für das Wetter viel zu kalt, aber nur leicht verwaschen. Wahrscheinlich ein Geschenk, das er akzeptiert hatte. Der höchste Gipfel, den dieser Parka mit dem je gesehen hat, da war Tom Balzack sich sicher, war der obere Eingang vom Kaufland. Und auch nur, falls es da Freibier gegeben habe sollte.

„Was soll denn der Scheiß?“, zischte Charly ihrem Freund zu und zog ihn weiter.

„Ich wollte dem armen Mann doch nur etwas Gutes tun, und Du hast doch gesagt, ich brauche sowieso eine neue“, antwortete Tom beleidigt, während er im Gehen seine Utensilien wieder in die Taschen seiner Lederjacke packte.

„Ach so, und dieser Mensch soll sich damit als Reporter verkleiden, oder was?“, fragte seine Freundin ironisch. Als sie Toms verständnislosen Blick bemerkte, fügte sie kopfschüttelnd hinzu: „Manchmal habe ich bei dir echt den Eindruck, dass Du als Kind zu nah an der Wand geschaukelt hast. Heute ist der 11.11., der Mann wartet auf seine Kumpels, um mit denen um elf Uhr elf den Karnevalsauftakt zu feiern. Was soll der also mit deiner schäbigen alten Jacke machen?“