'Die Abräumer' gelesen, dabei gewesen.

indexEin Mitarbeiter der ‚Sparbank‘ mit Hauptsitz in Essen kündigt seinen Kunden die Hypotheken-Kredite und  lässt die Immobilien zwangsversteigern. Diese Häuser schanzt er dann einem guten Bekannten zu, einem (in diesem Fall ehemaligen) Ratsmitglied, das sie weit unter Wert aus der Zwangsversteigerung herauskauft. Wie das funktioniert, wird in einer Szene in Kapitel 42 (ab S. 165) beschrieben.

Einige Rezensenten hielten diesen Handlungsstrang in meinem Kriminalroman ‚Die Abräumer‘, erschienen im März 2015, für zu konstruiert und klischeehaft.

Wie die lokale Presse in diesen Tagen schreibt, soll ein hochrangiges Mitglied der Essener SPD, Ratsherr Arndt G.,  mit Hilfe eines guten Bekannten  bei der Sparkasse Essen zwei Bürogebäude weit unter Wert  aus der Zwangsversteigerung  heraus gekauft habenl, für 1,25 Millionen Euro. Klingt viel, ist es aber nicht, wenn man die Gebäude etwas umbaut und sie an die Stadt Essen als Flüchtlingsheime vermietet. Langfristig, für 600.000 Euro pro Jahr.  Der Sparkassen-Mitarbeiter ist jetzt angeblich stiller Teilhaber der Firma, die Arndt G. für die Immobilien gegründet hat.

Kommt euch als Leser von ‘Die Abräumer’ bekannt vor? Und jetzt wieder mein Standardsatz:  Ich denk mir doch nix aus.

Notlandung auf der A 2

Screen2Die Ideen für meine Bücher schöpfe ich zu einem Großteil aus den Erlebnissen in meinem Hauptberuf als Reporter. Den Job übe ich jetzt  seit dreißig Jahren aus, da habe ich schon alles erlebt. Dachte ich immer, bis heute. Da hat mich nämlich auf der Autobahn fast ein Flugzeug gestreift.

Mein Kameramann Niko und ich hatten in Bielefeld gedreht. Das Wetter war richtig schlecht den ganzen Tag über, immer wieder Regen, Wolkenbrüche bei schwülwarmen Temperaturen. Jetzt, auf dem Heimweg nach Essen, ist es auf der A2 gerade mal trocken, aber stürmisch. Ich halte den Blick immer auch nach rechts gerichtet, auf die LKW. Besonders die mit Planen sind sehr windanfällig. Plötzlich kommt von vorn etwas auf uns zu. Etwa 300 Meter.  Ein Geisterfahrer? Nein, es ist in der Luft. Was ist das denn? Kann doch nicht sein. Ein Flugzeug, eindeutig. Mitten über der Autobahn. Verdammt niedrig. Wie weit entfernt? Vielleicht noch 200 Meter. Sinkend. Verdammt, was ist das? Nein, kein Jumbo, kein Airbus, nur ein kleiner Privatflieger. Trotzdem. Niko kramt hektisch nach seinem Handy. Ich bremse ab. Das Ding kommt näher, es trudelt, fliegt aber direkt auf uns zu. Ich steuere  das Auto nach rechts, habe Angst, dass der Flieger uns rammt.  Als er über uns hinwegfliegt, ziehen wir unwillkürlich den Kopf ein. Wir halten auf dem Standstreifen an, wie die anderen Autos auch. Wir springen raus, das Ding ist hinter einer Kurve verschwunden. Ich bin mir sicher: Das geht nicht gut. Um 15:16 Uhr wähle ich den Notruf der Polizei. Die Beamten halten mich offensichtlich für bescheuert (“Guten Tag, mir ist auf der A2 gerade ein Flugzeug entgenegekommen”), zumal ich der erste Anrufer zu sein scheine – all die anderen vor uns, die das gleiche erlebt haben, hielten es wohl nicht für nötig, die Behörden zu informieren. Wir fahren weiter, nächste Abfahrt, Gegenfahrbahn wieder auf, nach etwa einem Kilometer steht sie da, auf der Autobahn, neben einem LKW. Noch keine Polizei, keine RettungswaScreen1gen. Als wir die Unfallstelle erreicht haben, sind seit der ersten Begegnung gerade fünf Minuten vergangen. Der Pilot sitzt auf der zerstörten Maschine und telefoniert, zwei LKW Fahrer stehen daneben. Offensichtlich keine Toten, keine Verkletzten. Der Flugzeugführer scheint ganz tiefenentspannt und möchte nicht gedreht werden. Das muss er sich wohl gefallen lassen, wenn er im Tiefflug über die Autobahn fliegt, Menschen gefährdet  und dann noch abstürzt, halte ich ihm vor. Das sei kein Absturz gewesen, sondern eine kontrollierte Notlandung. Wenn der Motor ausfiele, käme das schon mal vor. Ach so.

Fronleichnam

Die Geschichte begann eigentlich schon gestern. Beziehungsweise vor 28 Tagen, als ich meinen Führerschein für vier Wochen in Verwahrung geben musste. Das war nicht so schlimm wie befürchtet, weil wir entweder meist in Westfalen gedreht haben, dann hat Niko mich in Dortmund eingesammelt, oder H. hat mich mitgenommen und in Essen unweit meiner Redaktion rausgeschmissen. Hat erstaunlich gut geklappt, bis gestern. Da hatte H. einen Termin in der Innenstadt und anschließend Spätdienst, ich  wäre erst nach 10:00 Uhr in der Redaktion gewesen. Also sind wir um 07:20 Uhr losgefahren, um 07.40 Uhr hat sie mich an einer der Bushaltestellen vom Dortmunder Hauptbahnhof, deren Existenz sie ja immer geleugnet hat,  ausgesetzt. Niko hatte mir ausführlich erklärt, wie das mit den Fahrscheinautomaten funktioniert und von welchem Bahnhof ich mit welchem Regionalexpress nach Essen fahren kann. Hat auch gut geklappt. Das Raucherabteil habe ich zwar nicht gefunden, aber einen Sitzplatz in Fahrtrichtung ergattert. Das ist wichtig, denn: Wenn man gegen die Fahrtrichtung sitzt, guckt man in die Vergangenheit – an allem, was man beim Blick aus dem Fenster sieht, ist man in dem Moment ja schon vorbei. Einsichten, die mir ohne diese Zugreise nie gekommen wären. In meiner Heimatstadt kenne ich mich aus, in Essen schwupps in den Schnellbus SB 15 gesprungen, noch mal sieben Minuten zu Fuß von der Haltestelle aus. Ist zwar doof, weil ich mir irgendwie die Verse aufgeschrappt habe und das vom Laufen nicht besser wird. Egal, um 08:45 Uhr war ich nach nicht einmal eineinhalb Stunden in der Redaktion. Je nach Strecke sind das mit dem Auto zwischen 35 und 38 Kilometer, dafür benötige ich morgens 40 und abends 35 Minuten. Aber man wird ja demütig.

Vielleicht hat mich diese Erfahrung auch übermütig gemacht. Jedenfalls wollte ich gestern mal zwei Sachen ausprobieren: Wie geht ein Acht-Stunden-Tag, und wie funktioniert das ohne Auto in umgekehrter Richtung, von E nach DO? Na gut, ich habe wieder etwas geschummelt. Der liebe Niko hat mich also um kurz nach siebzehn Uhr nach Steele gefahren.

Von dort juckele ich mit der S-Bahn, wieder ohne Raucherabteil, aber mit Sitzplatz in Fahrtrichtung, über Wattenscheid-West, Wattenscheid, Ehrenfeld, Bochum HBF, Langendreer, Oespel, Kley … Mit schönen Ausblicken in Vorgärten, wo Männer Rasen mähen oder Autos waschen. In meinem Abteil sitzen junge Frauen mit Kopfhörern, schauen aus dem Fenster oder lesen Bücher. Leider nicht meine.  Manchmal geht es entlang der  verstopften A 40,  wo wir normalerweise um diese Zeit noch im Stau auf dem Rückweg zur Redaktion stecken. Zwei Araber stehen an der Tür und diskutieren laut in einer mir fremden Sprache. Im Indupark sehe ich genervte Menschen bei der Parkplatzsuche für Feierabendeinkäufe. Ich fühle mich wie der „man on the train“ und denke, dass ich die Zugszene in „Die Abdreher“ intuitiv (und ohne seit vierzig Jahren mit einem Schienenfahrzeug unterwegs gewesen zu sein) ganz gut beschrieben habe. Hinter mir erklärt eine Mutter ihrem Kleinkind: „Wir fahren nach Hause, nach Dortmund.“

An der Uni raus, das nächste Verkehrsmittel: Die H-Bahn. Das ist eine Schwebebahn für Studenten, komisches Gefühl, so hoch über allem. Zwei Stationen weiter in Eichlinghofen hält sie fast vor meiner Haustür. Menschen hetzen in den REWE. Es ist erst 18.30 Uhr, was mache ich mit dem angebrochenen Nachmittag? H. kommt frühestens in einer Stunde.

GartenIch könnte sie überraschen und den Rasen mähen. Prima Idee, endlich wieder selbst ein Fahrzeug lenken. Die Ferse schmerzt zwar von der ganzen Rumlatscherei, aber im Garten trage ich offene Sandalen. Gedacht, getan, Fehler. Ganz unten, am Weinfass, in dem sich das Regenwasser sammelt, das wir nie benutzen, der Mückenzuchtstation also, sticht mich ein Vieh ins Auge. Verdammt, juckt das, aber ich mähe weiter.

Heute morgen, der Wecker klingelt wie immer um 05:55 Uhr, ist das Lid des linken Auges so angeschwollen, dass ich es nicht öffnen kann. Ich taumele in die Küche, der Gleichgewichtssinn ist weg, fühle mich wie betrunken, dabei habe ich gestern Abend nur Mineralwasser zu mir genommen. Ich verstreue den Kaffee, ohne das zweite Auge kein räumliches Sehvermögen. Fronleichnam ist kein bundesweiter Feiertag, H. hat Frühdienst. Was soll ich allein in unserem Haus in Dortmund, wie  festgetackert ohne Auge und ohne Auto? Dann verbringe ich den Tag doch lieber in meiner Redaktion. Da  gibt es immer was zu tun, und vielleicht kommt sogar noch ein Dreh reingeflogen.

Wir müssen eigentlich um sieben Uhr los. Also Kaffeetrinken, Katzenwäsche, duschen und rasieren kann ich mich auch in der Redaktion. Trotzdem zu spät dran, auch mit ohne Staus sind wir erst um 07:40 Uhr in Essen. H. kann mich nicht bis zu meiner Redaktion fahren, wenn sie pünktlich kommen will. Sie setzt mich an der Haltestelle „Huttropstraße“ ab. Für Eingeweihte: Das ist an der Ruhrallee zwischen Ruhrturm, früher Ruhrgas, und derA-52-Auffahrt. Dort hält der Schnellbus SB15, mit dem ich ruck-zuck in Burgaltendorf bin. Ich kenne den Fahrplan nicht, aber wenn es ein paar Minuten dauert, kann ich wartend in Ruhe eine rauchen. Darf man in H.s Auto morgens nämlich nicht. Schönen Arbeitstag, Dir auch, wir telefonieren, bis heute abend. Weg ist sie.

Die elektronische Anzeigentafel sagt: Linie 155 nach Kupferdreh in 19 Minuten. Aber was ist mit dem SB 15? Ich schaue auf den Fahrplan. Sonn- und feiertags kommt der erste Schnellbus um 12:36 Uhr. Mist. Da hatte ich jetzt nicht mit gerechnet. Fonleichnam1Vielleicht nur alle zwanzig oder dreißig statt alle zehn Minuten, aber morgens überhaupt nicht… Was tun? Nach  Kupferdreh fahren? Von dort fährt ein Bus nach Burgaltendorf, aber der verkehrt meines Wissens wochentags schon nur stündlich. Müsste ich dort wieder ewig warten. Trampen? So wie ich aussehe, unrasiert, fettige Haare, Blötschauge, wie von der letzten Nacht ausgespuckt – ich würde mich auch nicht mitnehmen. Taxi? Ziemlich teuer, von hier bis zur Redaktion sind es noch rund zehn Kilometer. Und unsportlich. Taxi gildet nicht. Das schaffe ich auch anders!

Bleibt nur der Bus 155. Ich lege dem Fahrer falsche Geldstücke hin, er ist genervt.

„Ich kann nicht richtig gucken, mein Auge ist zu.“

„Schon klar.“

Nach 3,8 KilometFronleichnam2ern, verteilt über vier Haltestellen, steige ich am  Annental aus. Ich torkele über die Ampel an der Westfalenstraße, der fehlende Gleichgewichtssinn, hoffentlich sieht mich keiner, der mich kennt. Neben der Konrad-Adenauer-Brücke führt ein Wanderweg über die Ruhr. Dann mal los. Die schmerzende Ferse wird einfach wegignoriert. So eine schöne Landschaft, und so still. Na ja, ist ja immer noch kaum jemand unterwegs. JetzFronleichnam4t kommt auch noch die Sonne raus, es wird schnell wärmer. Vor einer Stunde, als wir in DO losgefahren sind, war die schwere Lederjacke temperaturtechnisch noch angemessen.Fronleichnam3 Immer wieder bleibe ich stehen, natürlich nur, um mit dem Handy Fotos von der Idylle an der Ruhr zu knipsen. Als Beweis, dass wir uns nicht im Sauerland oder im Albmühltal befinden, nehme ich den Förderturm der vor 48 Jahren geschlossenen  Zeche Heinrich mit ins Bild. Ich muss an Tom Balzack denken und den Spruch: “WerFronleichnam5 noch einmal Förderturm sagt wird erschossen“. Beim Posten der Fotos auf facebook vertippe ich mich ständig beim Begleittext, im torkelnden Gehen und mit nur einem Auge ist das schwierig. Ich  transpiriere leicht. Über das Gewicht von zwei Rechnern und mehreren Büchern in der Laptop-Tasche habe ich mir zuvor noch nie Gedanken gemacht.

Am Ende der Brücke sind es immer noch vier Kilometer, jetzt durch Wohngebiete. Es ist 08:50 Uhr. Nirgendwo hängen Fronleichnams-Fahnen. Macht man das nicht mehr, oder führt die Prozession hier nicht vorbei? An keinem der Gebäude befindet sich eine Fahnenhalterung, stelle ich fest. Vorm Discounter hat sich eine Schlange gebildet. Ein angeleinter KöteFronleichnam7r kläfft mich an,  Frauchen kauft Brötchen in der LIDL-Bäckerei. Ich wechsele die Straßenseite. Auf dem Bürgersteig steht eine leere Jägermeister-Flasche, hoffentlich hattet ihr Spaß.  Vor einem Reihenhaus haben sich fünf Motorradfahrer getroffen, trinken an ihren Maschinen noch einen Kaffee vor der Tour. Hätte ich jetzt auch gern. Irritiert blicken sie auf den dicFronleichnam8ken Mann mit der Belstaff-Jacke, dem zugekleisterten Auge über den Bartstoppeln, den wirren Haaren, der mit schiefer Schulter (wegen der Computer-Tasche) schweißüberströmt an ihnen vorbei wankt. Ich hingegen muss an Rocky II denken, den Lauf durch New York, bei dem die Passanten den schwitzenden Boxer abklatschen. Nun ja. Ein paar Häuser weiter trägt ein kleines Mädchen gerade Strandspielzeug zum Zafira. Der Vater steht mit einer Reisetasche an der Haustür. Als er mich sieht, ruft er das Kind zurück. Es heißt Paula.

Raus aus dem Wohngebiet, hinein ins Grüne. Jetzt noch den Berg hinunter, dann bin ich da. Ich kann schFronleichnam9on meine Farm erahnen. Rosa und lila strahlen die Blüten der Rhododendren durch die Blätter des Waldes. Als ich näherkomme, sehe ich, dass sich die Befestigung der Schalke-Fahne über Nacht gelöst hat. Sie hängt jetzt quasi auf halbmast, kein gutes Omen. Die Wiese muss mal wieder gemäht werden. 09.16 Uhr, ich klappe die BlendFronleichnam10läden auf, ich bin da. Nach genau zwei Stunden.

Meine Mutter steht im Hof. „Willst Du nicht endlich mal wieder mitgehen  zur Fronleichnams-Prozession?“„Habe ich schon hinter mir.“ Wenige Minuten später kommt Niko mit meinem Auto angefahren. telefacts.tv ist arbeitsbereit.

Morgen, am Freitag, kann ich mir meine Fleppe wieder abholen. Und ab Samstag, 00:01 Uhr, darf ich auch wieder Auto fahren.

Criminale – Wie eine Geschichte entsteht

Hier zunächst der Text, unten erkläre ich seine Entstehungsgeschichte:

Das passte nicht in Henks Plan. Gar Nicht. Er wollte den Teppich gerade zum Lieferwagen auf der anderen Straßenseite tragen, als sich eine Gruppe seltsamer Menschen vor dem Laden in der Marburger Fußgängerzone aufbaute. Zunächst stach ihm die Farbe Orange ins Auge, er dachte an eine Gruppe übriggebliebener Bhagwan-Jünger, die dort ihre Sanskrit-Mantras anstimmen wollten. Als Henk genauer hinsah, erkannte er, dass es orangefarbene Schilder waren, die diese merkwürdigen Menschen in die Höhe hielten. Er steckte den Kopf kurz aus der Tür, um zu lesen, was auf den Zetteln stand. Keine gute Idee, eine Alkohol-Wolke nahm ihm fast den Atem. Henk schloss die Tür und fluchte. Garantiert war diese Demo nicht angemeldet, wahrscheinlich nur so ein Flash-Mob gelangweilter Altachtundsechziger. Gleich würde die Polizei erscheinen, diese Horde von Trunkenbolden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses abführen. Und wahrscheinlich auch in den Laden kommen, um nachzufragen, ob man sich von den Verrückten gestört gefühlt hätte. Für eine Anzeige wegen ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ bedurfte es eines Erregten, das wusste Henk. Schließlich hatte er mal Jura studiert und Rechtsanwalt werden wollen, bevor er den erheblich lukrativeren Job als ‘Problemlöser’ angenommen hatte.  Wahrscheinlich kannten die Beamten, die hier in Kürze aufschlagen würden, den Ladeninhaber sogar.  In so einem Kaff kannte ja jeder jeden. Ihn würden sie nicht kennen, das würde die Beamten mißtrauisch machen. Sie würden nach Uwe Schremms fragen, der in seinem Teppich schon deutlich vor sich hinmüffelte. Bei genauerem Hinsehen würden sie auch die Blutspritzer bemerken, die rund um den Schreibtisch bereits eingetrocknet waren, sich nur noch mit Bleichmittel entfernen liessen. Und der Recyclinghof, wo er die Leiche unauffällig entsorgen wollte, hatte nur noch eine halbe Stunde geöffnet. Mann, Mann, Mann, er musste hier raus. Henk kramte in seinen Manteltaschen und zählte seine Ersatzmagazine. Am besten, er würde diese Randalierer alle umlegen und sich in dem dann entstehenden Chaos aus dem Staub machen. Ja, so könnte es gehen.

Ich werde ja immer wieder gefragt, wie wohl jeder Autor, woher ich die Ideen für meine Texte nehme. Meine Standard-Antwort lautet dann meist “Ich denk mir doch nix aus!” Meistens sind es einzelne Geschichten, die sich so oder ganz ähnlich auch ereignet haben, als langjähriger Polizeireporter hat man ja schon einiges erlebt. Ich setze diese Taten dann zu neuen Geschichten zusammen, spinne eine Rahmenhandlung darum herum. Aber natürlich bedarf es eines Anstoßes dazu, meist sind das Bilder. Ich kann euch das hier mal einem Beispiel verdeutlichen.

Momentan findet in Marburg die Criminale statt, das ist die jährliche Veranstaltung von “Das Syndikat”, der Vereinigung deutschsprachiger Kriminalschriftsteller. Ich wäre natürlich auch gern dabei gewesen, deshalb schaue ich mir z.B. auf facebook natürlich  zwischendurch die Posts dazu an. Gestern mittag haben die Krimiautoren in der Marburger Innenstadt einen Flashmob veranstaltet, Zettel mit “Ich bin unschuldig” in die Höhe gehalten. Und das mit solchen Fotos (geklaut bei Ulf Kartte) dokumentiert:

CriminaleIch sehe mir das Bild an, und sofort geht die Assoziationskette los: Neidisch, dass die Kollegen am hellichten Tag da auf dem Marktplatz rumlungern können. Ich muss mal wieder arbeiten. Der Teppich-Händler im Hintergrund (Firmenschild am rechten Bildrand) bestimmt auch. Was wird der wohl über diese Gaga-Aktion vor seinem Laden denken? Ich, immer noch neidisch, versuche mich zu trösten: Vielleicht kommt ja gleich noch nen Mord rein, passiert Freitags nachmittags ja gern mal. Ich kann dann dort für’s TV drehen, live und in Farbe Anschauungsmaterial für meine Romane sammeln. Während die Autoren-Kollegen in Marburg davon nichts mitbekommen. Halt, apropos, was wäre denn, wenn im Teppichladen ein Mord passiert wäre, während die draussen ahnungslos flashmobben? Vor gar nicht so langer Zeit (fünf Jahre sind für mich, den Highlander, nur ein Fingerschnipps) gab es doch im Rheinland mal diesen Teppichmord, der unter anderem deshalb ans Licht kam, weil es dem Täter nicht gelungen war, die in den Teppich eingewickelte Leiche rechtzeitig zu entsorgen… Und zack, fließt mir die oben gelesene Geschichte aus der Feder. Noch nicht ausgefeilt, vielleicht für nix gut, aber so kommen mir die Ideen.


 

 

 

 

Der Flugpanzer

Einen kurzen Moment lang hatte Tom Balzack die Sorge, dass sein Flugpanzer auf die lautstarken Rückrufe aus Wolfsburg reagieren, sich wie von Geisterhand in Fahrt setzen und dem Lemmingszug  in Richtung Werkstatt anschließen könnte. Als er aber aus dem Fenster der Redaktion am Waldesrand blickte, sah er den Volkswagen dort unbeeindruckt in Ruhestellung verharren. Der Reporter wusste: Nur ein Knopfdruck, und das Dieselherz des schwarzen Tieres würde zu grollen beginnen. Ein kurzer Tritt mit dem Fuß, er würde wie ein Stier nach vorn stürmen, gierig auf weitere Abenteuer mit Tom und Harry.
PS: Hatte ich eigentlich schon die Sache mit meinem Führerschein erwähnt?

Fünf Leichen, und wo bleibt das Positive?

In meinen Kriminalromanen geht es naturgemäß um Mord und Totschlag. Aber es gibt  auch unterhaltsame und lustige Momente. Am Ende von ‚Die Abräumer’ hat der Reporter Tom Balzack seiner Charly zum Geburtstag einen Hund geschenkt. Jetzt, in ‚Die Abdreher’, gehört der bereits fest zur Familie. Es handelt sich um einen Labradoodle, eine Kreuzung aus Pudel und Labrador Retriever. Für Tom, er ist eigentlich kein ausgeprägter Tierfreund, hat der Hund einen entscheidenden Vorteil, der sich auch in dessen Namen widerspiegelt. Der Rüde heißt Renault, weil: Er springt nicht an. Ganz im Gegensatz zu Rocky, dem Westhighland-Terrier des Rentners Heinrich Gomez, der Tom schon einmal die Jeans versaut hat.  Also der Hund, nicht der Rentner. Was Herr Gomez Tom und der “Frau Charly” wegen Renault empfiehlt, kostet Tom fast das Leben und führt zu … ach, lest selbst.

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Pressekonferenz zu 'Die Abdreher'

 

Der LabraPK1doodle Renault hätte wegen der vielen Menschen vor Aufregung bestimmt wieder gegen den Türrahmen gepinkelt. Aber Renault (heißt so, weil er nicht anspringt. Niemanden, niemals.) ist ja ein fiktiver Charakter. Ganz real war  ganz schön was los heute morgen PK5bei Grafit  in Dortmund. Der Verlag hatte zur Pressekonferenz  anläßlich des Verkaufsstarts von ‘Die Abdreher’ geladen.  Verlegerin Ulrike Rodi und ich waren überwältigt von dem Ansturm. Mehrere Kamerateams, Fotografen, das Radio, Redakteurinnen und Literatur-BloggerinnPK3en wollten alles über den neuesten Fall von Hauptkommissar Georg Schüppe und Reporter Tom Balzack wissen. Kein Wunder, die Thematik ISIS und Rechte ist aktuell, und in meinem Kriminalroman habe ich einige Dinge beschrieben, die nach und nach jetzt auch in den Medien stehen oder sich, leider, gerade in der Realität bewahrheiten. Aber, keine Sorge, es geht in meinem neuen Buch nicht nur düster zu. Für Unterhaltung sorgen der Reiseagent Belmondo, der Rentner Gomez und die Sexbombe Gloria Wolkenstein. Und natürlich Renault.   PK2

Vor dem Spiel

Der Reporter Tom Balzack, eine der beiden Hauptfiguren meiner Kriminalromane, ist  Schalke-Fan. Sein Mit- und Gegenspieler, Erster Hauptkommissar Georg Schüppe  aus Gelsenkirchen-Schalke, ist in seiner Dienststelle, dem Polizeipräsidium Dortmund,  wegen seiner Fußball-Vorliebe für den S04 Spott und Häme ausgesetzt. Vor dem Heimsiegl des BVB gegen Mainz 05, mit dem die Dortmunder nicht nur ihren zweiten Platz in der Liga festigten, sondern auch dem S 04 wenigsten den fünften Tabellenplatz sicherten, habe ich mich mal ins Dortmunder Kreuzviertel gewagt und die Reaktionen von BVB-Fans auf ‘Die Abdreher’ eingefangen. Seht selbst:

 

 

 

 

Kurzkrimi "Burg Altendorf"

BurgSingen und tanzen kann ich nicht. Womit kann ich also zum  “Urkundentag” etwas beitragen? Heute, am 19. Februar 2016, auf den Tag genau 850 Jahre nach der ersten Erwähnung meines Heimatdorfes, könnte ich doch meinen Kurz-Krimi “Burg Altendorf”  hier einstellen. Für diejenigen, die  ihn nicht bei meiner Lesung auf dem Burgfest 2015 gehört haben.

„Verdammt, wo kommt dieses Ding denn jetzt her?“
Kommissar Georg Schüppe blickte sich um. Irgendwo musste doch der Operator für die Drohne stehen, die über dem Burgturm kreiste. Dann bemerkte er Tom Balzack und seinen Kameramann. Die beiden standen etwa 50 Meter entfernt, direkt hinter der Polizei-Absperrung. Neben dem schwarzen VW-Bus von diesem BILD-Reporter. Wenn er jetzt über den freien Platz vor der Burg dort hinüber ginge, befände er sich genau im Schussfeld des Täters. Er wählte die Nummer, die auf seinem Handy eingespeichert war.
„Tom, das ist doch eure Drohne, die da oben über der Burg kreist. Das Ding muss da weg, oder ich lasse es runterholen!“
„Keine Panik, Georg. Wenn Du mir versprichst, mir die mit der Drohne gedrehten Bilder nicht wieder abzunehmen, kann ich Dir interessante Einzelheiten über die Lage dort oben mitteilen.“
„Entweder Du redest jetzt sofort, oder ich lasse das Ding abschießen und euch festnehmen, wegen Behinderung der Polizeiarbeit. Das ist kein Spaß hier.“
„Jetzt mach doch mal halblang. Da oben ist keiner mehr. Außer Heckler und Koch.“
„Wie, Heckler und Koch, wer soll das denn sein?“
„Mann, Georg! Was ist denn mit Dir los? Entspann Dich mal, Ihr habt hier keine Lage mehr. Da oben liegt nur noch einsam und verlassen ein G 36 Sturmgewehr der Firma Heckler& Koch in der Sonne. Solltet ihr mal da wegholen, bekanntlich können die Dinger Hitze nicht so gut vertragen.“
„Balzack, das kann nicht sein. Wie Du vielleicht sehen kannst, ist die ganze Burganlage umstellt. Unten, im Erdgeschoss der Burg, ist der Täter nicht, da haben wir Einblick. Er kann mit seiner Geisel also nur oben auf der Aussichtsplattform sein, sonst müsste er sich in Luft aufgelöst haben. Also erzähle keinen Blödsinn.“
„Georg, Du kannst ja gern zu uns herüber kommen und Dir die Bilder live ansehen, die Maja auf das iPad überträgt.“
„Mach mich nicht wahnsinnig! Wer ist denn jetzt Maja?“
„Mann, so heißt unsere Kameradrohne. Der Akku ist sowieso fast alle, ich lasse sie landen, dann kannst du den Chip aus der Kamera nehmen und Dir alle Bilder selbst ansehen. Glaub mir doch, der Bankräuber und die Geisel sind weg, da oben ist niemand mehr.“
Ohne zu antworten, beendete Georg Schüppe das Gespräch und stöhnte. Dass ein Täter samt Geisel vor den Augen der Polizei verschwand, kam auch nicht alle Tage vor. Aber als Bestätigung dafür hatte er bisher nur die Aussage des Reporters. Er wählte die Nummer seines Assistenten.
„Gültekin, sind Sie hinter der Absperrung? Gut, dann gehen sie doch mal zu diesem schwarzen VW-Bus und lassen sich die Drohnen-Bilder zeigen. Wenn der Täter wirklich nicht mehr oben auf der Aussichtsplattform ist, lasse ich die Burg jetzt stürmen. Ja, ich weiß, dass unsere SEK-Leute in ihrer Montur nur einzeln diese verdammte Wendeltreppe mit ihren 88 Stufen hochkommen. Das Risiko müssen wir eingehen, wir müssen das Kind retten.“
Noch während Oberkommissar Amin Gültekin sich im Bus mit Balzack die Bilder der Drohne anschaute, war Kameramann Harry auf den Gepäckträger auf dem Dach des Multivans geklettert. Als Gültekin quer über den Platz zu seinem Chef rannte, kurz mit ihm diskutierte, brachte Harry seine Kamera in Stellung. Dann sah er auch schon zwei SEK-Trupps auf die Burg zu rennen, glaubte, fast taub zu werden vom ohrenbetäubenden Knall der Blendschockgranate, durch die die Spezial-Einsatz-Kommandos meist ihren Zugriff einleiteten.
Harry schwenkte seine Kamera nach oben, filmte durch die schießschartenkleinen Fenster der Burg Schatten, die durch den Turm huschten. Erst rauf, Richtung Aussichtsplattform, dann wieder runter. Nach etwa fünf Minuten kam der SEK-Einsatzleiter kopfschüttelnd über die Brücke, die sich über den Burggraben spannte. Seine Leute folgten ihm, gingen zu ihren Einsatzfahrzeugen. Machten Scheibenwischerbewegungen mit ihren Händen in Richtung der Medienleute. Harry schaltete seine Kamera aus. Er wusste aus Erfahrung, dass SEK-Leute unangenehm reagieren konnten, wenn man sie beim Abnehmen ihrer Gesichtshauben filmte.

Natürlich hatte Lukas Angst. Er wusste nicht, was Herr Schlüter von ihm wollte. Warum der komische Nachbar von nebenan das alles mit ihm machte. Warum er Lukas, der an den Händen mit Kabelbinder gefesselt war, zum Beispiel jetzt schon seit einer halben Stunde an einem langen Seil durch den niedrigen unterirdischen Gang hinter sich herzerrte, während er gebückt vorwärts hastete. Lukas erschreckte sich zwar jedes Mal, wenn Heinz Schlüter wieder fluchend einen Knochen zur Seite trat oder über einen Totenschädel stolperte. Aber so etwas kannte er aus seinen Videospielen. Und die Knochen waren ja tot. Die Ratten allerdings, die quiekend vor ihnen zur Seite stoben, vor denen hatte Lukas mehr Schiss. Denn die schienen äußerst lebendig zu sein. Sie huschten die Wände hoch und verschwanden in Löchern, die sich alle zwanzig Meter an der Decke des Ganges befanden. Wahrscheinlich Lüftungsschlitze.
Immer wieder guckte der Junge ängstlich nach oben. Ben, sein bester Freund, hatte ihm erzählt, dass die Viecher sogar Abwasserrohre hochkletterten bis in die Toiletten der Häuser und die Menschen dann in den Popo bissen. Hier kam die Gefahr allerdings eher von der Seite oder von oben. Hoffentlich sprangen die ihn nicht an. Unwillkürlich zog Lukas den Kopf noch mehr ein, während er hinter Schlüter herstolperte.
Sie liefen jetzt nicht mehr bergab, der Gang wurde eben, die Luft schlechter. Und muffiger, irgendwie roch es feucht.
Lukas erinnerte sich, wie er in diese aussichtslose Situation geraten war. Eigentlich hatte er nichts falsch gemacht, oder?
Er hatte doch nur in der GENO-Bank kurz vor Feierabend die 50 Euro einzahlen wollen, die Oma ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Danach wollte er mit dem Bus die fünf Haltestellen bis zur Windmühle fahren, wo um fünf das Training beim SVA begann. Stattdessen war plötzlich dieser komische Herr Schlüter in die Bank gestürmt. Der wohnte bei ihnen in der Nähe und fuhr immer mit einem Mofa mit Anhänger durchs Dorf. Sammelte angeblich Schrott, aber Mama hatte gesagt, Lukas solle auf sein Fahrrad aufpassen, wenn der in der Nähe war. Und dieser Herr Schlüter hatte ihm eine ECHTE Pistole an den Kopf gehalten und die Bankangestellte wegen Geld angeschrien. Die Frau ließ die Kohle aus der Kasse in einem der hinteren Räume holen, das dauerte unheimlich lange. Lukas hatte fast nicht geweint, dem Mann zitternd seine 50 Euro angeboten. Aber das reichte dem nicht.
Als vor dem Haupteingang der erste Polizeiwagen eintraf, hatte Herr Schlüter die Frau gezwungen, die dicke Glas-Schiebetür zum hinteren Bereich der Bank zu öffnen und war mit ihm aus dem Nebeneingang gegenüber von REWE verschwunden. Er hatte Lukas ganz fest an der Hand gehalten und gezischt: „Du weißt, dass ich die Pistole in der Jackentasche habe. Eine falsche Bewegung, ein Hilferuf, und Du bist tot!“
Sie waren durch den REWE hindurch und über den Parkplatz rüber zur Burg gegangen. Das Schloss am Eisentor vor der Brücke über den Burggraben war bereits geknackt, war Lukas aufgefallen. Genau wie das vor dem Tor zum Verließ, dass sich rechts vom Haupteingang befand. Herr Schlüter hatte sich kurz umgedreht, ob sie jemand beobachtete, und ihn dort hineingeschoben. Dann hatte er dem Jungen mit Kabelbinder die Hände gefesselt und sich an einer Mauer am Ende des schmalen Raumes zu schaffen gemacht, woraufhin sich ein Durchgang öffnete, der in den Geheimgang führte, durch den sie jetzt schon unheimlich lange stolperten. Bestimmt eine Stunde, dachte Lukas, er konnte ja nicht auf sein Handy mit der Uhrzeit sehen, befand er sich jetzt schon in der Gewalt dieses bösen Mannes. Das Training beim SVA hatte bestimmt längst begonnen.

Lukas spürte, dass Wasser in seine Turnschuhe lief, das durch die Decke tropfte und sich auf dem Boden sammelte.
Die knochentrockenen Stempel, die scheinbar seit hunderten von Jahren den Gang abstützten, waren ab hier mit schwarzem Teer gestrichen. Wahrscheinlich befanden sie sich jetzt unter der Ruhr, dachte Lukas. In dem Geheimgang, von dem Opa ihm erzählt hatte, und von dem nur ganz wenige Menschen in Burgaltendorf wussten.
Im Prinzip handelte es sich dabei um eine Gruppe von neun Altendorfern, die als Jugendliche vor mehr als vierzig Jahren bei Ausgrabungen an der Burg geholfen hatten. Insgesamt waren damals rund 500 Schüler beim Buddeln im Einsatz, aber diese Gruppe hatte den sagenumwobenen Gang entdeckt. Gegenüber dem Grabungsleiter, Professor Eversberg aus Hattingen, hatten sie ein Gelübde ewigen Schweigens darüber ablegen müssen. Der Kreisheimatpfleger wollte diesen Fund erst offiziell den Behörden melden und für die Absicherung des Ganges sorgen, bevor er die sensationelle Entdeckung der Öffentlichkeit mitteilte. Nach dem plötzlichen Tod des Professors hatten sich ‚Die Neun’ verabredet, ihr Wissen nur an jeweils einen ihrer Nachkommen weiterzugeben, damit das Geheimnis nicht wieder über Jahrhunderte verschüttet wurde. Opa hatte es seinem Lieblingsenkel erzählt, letztes Jahr.
„Du bist mit deinen elf Jahren eigentlich noch zu jung, Lukas, aber ich weiß ja nicht, wie das hier ausgeht“, hatte Opa mit leiser Stimme gesagt, als er mit dem Herzinfarkt im Krankenhaus lag und er sich zu ihm auf die Intensivstation geschlichen hatte. Er hatte ihm erzählt, was es mit diesem Geheimgang auf sich hatte. Wo der unterirdische Stollen hinführte, wie gefährlich es an manchen Stellen war. Und wo er einzubrechen drohte. Unter der Ruhr.
Da, wo sie jetzt gerade waren. Das Wasser von oben kam jetzt nicht mehr in Tropfen, es floss wie aus einer Dusche. Auf dem Boden stand ein See, der Lukas bis fast zu den Knien reichte und seine Schritte langsamer machte. „Los, schneller, Du verdammtes Blag“, keuchte Heinz Schlüter und zerrte an dem Seil, so dass Lukas stolperte und fast hingefallen wäre. Zum Glück ging es jetzt wieder bergauf, das Wasser wurde weniger, die Luft besser. Sie waren wohl unter der Ruhr durch. Dann standen sie vor einer Tür.

Sie hatten die Ausrüstung in den Kofferraum gepackt. Harry hatte im Essener Studio angerufen und Bescheid gesagt, dass sie in zwanzig Minuten zum Überspielen der Bilder vom Banküberfall mit Geiselnahme und dem SEK-Einsatz an der Burg vorbei kämen.
Zwanzig Minuten, ja, trotz der langen Staus durch Kontrollpunkte der Polizei überall auf der Ruhrhalbinsel und dem Berufsverkehr auf der Ruhrallee.
Der Kameramann hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie das schaffen würden. Denn wenn sein Chef sich irgendwo auskannte, dann hier. Nur komisch, dass er wieder fahren sollte. Wie immer, wenn Polizei in der Nähe war. Harry wurde den Gedanken nicht los, dass irgendetwas mit Toms Führerschein vielleicht nicht ganz stimmte.
Jetzt gerade lotste er ihn über die Burgstraße in Richtung Dahlhausen. Eigentlich die entgegen gesetzte Richtung. Als sie hinter einigen Kurven, die bergab führten, auf eine lange gerade Straße kamen, wusste auch Harry, wo sie waren. Er spürte, wie der Angstschweiß bei ihm ausbrach. Verdammt, das war doch diese marode Schwimm-Brücke über die Ruhr, über die sie schon einmal einen Bericht gedreht hatten.
Weil die Stadt Bochum nicht wollte, dass LKW darüber fuhren, hatte sie eine Begrenzung eingeführt. Nein, nicht in der Höhe, was gegen LKW Sinn gemacht hätte. Sondern in der Breite. 2,10 Meter klang gut, auch wenn ihr Geländewagen 1,98 Meter breit war. Aber direkt hinter der Brücke, auf Bochumer Seite, verliefen Gleise. Dort standen die Begrenzungspoller so, dass man beim Abbiegen diagonal hindurch fahren musste, was die Fahrspur zumindest gefühlt noch schmaler machte. Entsprechend angetitscht sahen die Poller aus. Es hatten sogar schon Fahrzeuge im Stau mitten auf den Schienen gestanden, weil sich Autos zischen den Pollern festgefahren hatten. Selbst Tom, der den Wagen und die Stelle besser kannte, vermied es nach Möglichkeit, diesen Weg zu nehmen. Und da sollte er jetzt durch.

Harry fuhr im Schrittempo, hatte den Außenspiegel abgesenkt, so dass er aus seiner erhöhten Sitzposition die niedrigen Poller sehen konnte. Jedenfalls auf seiner Seite.
Auf der anderen hatte Tom das Fenster heruntergelassen, den Kopf herausgestreckt und dirigierte ihn. Das Telefon, das natürlich genau jetzt zu klingeln begann, ignorierte er einfach.
„So ist gut, hier hast Du genügend Platz, Harry. Fahr einfach weiter. So, jetzt kannst du einschlagen, wir sind durch.“
Erst jetzt drückte Tom den Annahmeknopf der Freisprechanlage.
„Hallo Georg, was gibt es? Habt ihr das Phantom gefasst? Ist die Geisel wohlauf?“, begrüßte er Kommissar Schüppe.
„Nein, Tom noch nicht. Aber wir wissen jetzt, wer der Täter ist. Und wer die Geisel“, antwortete Schüppe. Seine Stimme aus der Freisprechanlage klang zu ernst für diese erste für die Polizei halbwegs positive Nachricht des Tages, fand Tom.
„Ach, und die Namen willst Du jetzt freiwillig rausrücken?“, antwortete der Reporter mit ironischem Unterton. Harry grinste.
Der Kommissar schien nicht für Scherze aufgelegt zu sein.
„Fahr mal rechts ran, Tom, sonst rede ich überhaupt nicht mehr weiter“, forderte Schüppe.
„Was soll das? Wir haben eine Freisprechanlage, und Harry fährt.“
Weil der Kommissar einfach schwieg, gab der Reporter seinem Kameramann ein entsprechendes Handzeichen. Harry hielt in einer Bucht der schmalen Lewacker Straße und stellte den Motor ab.
„So, jetzt zufrieden?“, fragte Tom.
Er hörte, wie Schüppe tief Luft holte. Dann begann er in förmlichem Tonfall zu sprechen.
„Herr Balzack, ich habe Ihnen eine offizielle Mitteilung zu machen. Da ihr Sohn sich zu einem Geschäftstermin in Asien aufhält und wir Ihre Schwiegertochter ebenfalls nicht erreichen können, muss ich Sie, Herr Balzack, als nächsten verfügbaren Angehörigen von Folgendem in Kenntnis setzen: Ihr Enkel Lukas Balzack ist heute Opfer einer Straftat geworden. Er wurde bei einem Überfall auf die GENO-Bank in Essen Burgaltendorf als Geisel genommen. Der Täter befindet sich seitdem mit Ihrem Enkel auf der Flucht. Ein Zugriffsversuch an der Burg Altendorf verlief erfolglos, wie Sie wissen. Die Polizei hat keinen Anhaltspunkt, wo sich der Täter und seine Geisel derzeit aufhalten.“
Besorgt sah Harry zu Tom hinüber, der leichenblass geworden war.
„Tom, bist Du noch da?“ fragte Schüppe nach ein paar Sekunden besorgt. Der Reporter stöhnte einmal laut auf, dann riss er sich zusammen.
„Ja, natürlich, Georg. Wer ist der Dreckskerl?“
„Es tut mir sehr leid, Tom, dass ich es Dir telefonisch beibringen musste. Aber vorhin, an der Burg, wussten wir selbst noch nicht, wer Täter und Opfer sind. Auf Deinen Enkel sind wir durch die Befragung des Bankpersonals gekommen. Auf den Täter durch Fingerabdrücke auf dem G 36. Bei dem Bankräuber und Geiselnehmer handelt es sich um einen gewissen Heinz Schlüter. Auch, wenn dein Enkel ein Zufallsopfer geworden ist, du kennst dich doch in dem Kaff aus, und dieser Schlüter ist nur etwas jünger als Du. Hast Du eine Idee, wo…“
Balzack unterbrach den Kommissar. „Wie sicher seid Ihr, dass er wirklich mit Lukas in der Burg war?“
„Ganz sicher. Denk an das G 36. Das lässt doch kein Tourist dort liegen, der die Aussicht genießen will. Die Frage ist: Wohin ist der mit Deinem Enkel verschwunden?“
„Ich muss nachdenken, Georg. Ich rufe Dich gleich zurück.“
„Okay, lass Dir nicht zu lange Zeit“, antwortete Kommissar Schüppe und legte auf.

Ausdruckslos starrte Tom einen Moment aus dem Fenster. Die Sonne funkelte über der Ruhr, ein paar rote Kanus tanzten in der Strömung. Schlüter war in der Burg gewesen, das stand wohl fest. Die Burg war blitzschnell umstellt worden. Dann gab es nur einen Weg raus.
Heinz Schlüter war damals nicht dabei gewesen, als Altendorfer den Gang unter der Ruhr gefunden hatten. Aber er schien davon zu wissen. Hatte mal beim fünfzehnten Bier bei Brauksiepe von einem uralten Familiengeheimnis gefaselt, das mit der Burg zusammenhing. Tom hatte dem keine Bedeutung beigemessen. Schlüter war sowieso nicht sein Typ. Vor Jahrzehnten hatte der in einem Hauseingang auf der Mölleneystraße nachts im Suff einen umgelegt und ein paar Jahre im Knast verbracht. Was er seitdem getrieben hatte, wusste niemand so genau, als er vor ein paar Jahren wieder im Dorf auftauchte und in das Haus seiner verstorbenen Großeltern zog. Aber wenn Schlüter von dem Gang wusste…
Gegenüber, auf der anderen Ruhrseite in der Gaststätte ‚Zum Ponton’, genossen verschwitzte Radfahrer ihr Weizen im Schatten der Sonnenschirme. Das Leben könnte so schön sein.
Ausgerechnet Lukas. Der cleverste seiner Enkel, ja, aber auch der feinfühligste. Tom schüttelte sich und öffnete die Beifahrertür. Ohne zu fragen, stieg Harry ebenfalls aus. Wenn es wirklich ernst wurde, fuhr Tom immer selbst.
Mit Tempo 90 bretterten sie am Eisenbahnmuseum entlang, schleuderten in den Kurven über das Kopfsteinpflaster der Straße, die steil bergan nach Steele führte.
„Wo wollen wir hin? Soll ich Schüppe zurückrufen?“, fragte Harry.
Tom schüttelte energisch den Kopf. „Noch nicht. Wir brauchen einen Vorsprung. Schlüter ist wahrscheinlich auf Haus Horst. Oder auf dem Weg dorthin. Wenn der die Bullen sieht… der hat schon mal einen umgelegt. Kann sein, dass ich heute Deine ganz besonderen Fähigkeiten brauche. Und damit meine ich nicht die an der Kamera.“

Sie befanden sich jetzt in einer Art Museum. Lukas blickte sich erstaunt um. Überall standen uralte Foto-Kameras herum. Auf pultähnlichen Tischen, auf alten Holzstativen. Und auf einem Alustativ… ein Lächeln huschte über Lukas Gesicht, schon bevor er den Aufkleber „broadfacts.tv“ auf der modernen Sony-Fernsehkamera sah, die hier wie ein Fremdkörper wirkte. Das rote Lämpchen blinkte, wie immer, wenn die Mühle auf „Aufnahme“ stand. Das war eine Botschaft. Tom und Harry waren hier. Na, geht doch, dachte Lukas erleichtert.
Herrn Schlüter schienen die Exponate des Kameramuseums nicht zu interessieren, die moderne Kamera unter den historischen Exemplaren fiel ihm nicht auf. Er eilte an ein Fenster und blickte in den Hof.
„Mist, SEK“, fluchte er.
„Das wird wohl nicht Ihr größtes Problem sein, Herr Schlüter“, schrie Lukas unvermittelt. Er musste den Mann ablenken. Schlüter wirbelte zu ihm herum, richtete die Sig-Sauer, die er in der Hand hielt, auf den Jungen.
„Ach ja? Du Drecksblag mit deinem tollen Vorstands-Vater und Reporter–Opa hältst Dich wohl für besonders schlau? Mit Dir habe ich die längste Zeit Geduld gehabt!“
„Und ich mit Dir, Heinz Schlüter!“ ertönte eine Stimme hinter ihm. Sie klang etwas dumpf und blechern. Was auch kein Wunder war, da sie aus dem Inneren einer Ritter-Rüstung kam, die mit hoch erhobenem Schwert wohl als Deko in der Ecke stand. Während Schlüter sich noch erstaunt mit seiner Waffe dem Ritter zuwendete, sauste das zwar relativ stumpfe, aber doch immerhin 1,5 Kilo schwere Schwert auf die Hand mit der Pistole herab, während gleichzeitig ein Wurfmesser in den Oberschenkel von Heinz Schlüter eindrang und Harry auf ihn zuhechtete.
„Ups, Herr Schlüter!“, war Lukas letztes Wort, bevor er selig grinsend bewusstlos zu Boden sank.

Schüppe und Balzack standen am Fenster und blickten in den Burghof. Lukas saß dort auf einer Krankentrage im RTW und unterhielt sich munter mit Kameramann Harry.
„Wahrscheinlich bittet er ihn gerade, ihm das Messerwerfen beizubringen“, vermutete Balzack. „Hat sich mal wieder ausgezahlt, dass Harry in seinem früheren Leben im Zirkus gearbeitet hat und sein ‚Besteck’ immer in der Tontasche mitführt.“
Schüppe seufzte. „Alles noch mal gut gegangen. Aber warum hast Du mich nicht zurückgerufen, Tom?“
„Erstens brauchte ich einen Vorsprung vor der Polizei. Hatte ich ja wohl auch Recht mit, Schlüter hat eure Leute schließlich sofort gesehen. Mit einem Überraschungs-Zugriff wäre das wohl nichts geworden.“
Schüppe nickte gequält.
„Außerdem hat mein Sohn, der große Vorstandsvorsitzende, Lukas doch diesen Ortungs-Chip implantieren lassen, wegen der Entführungsgefahr. Darüber musstet ihr ihn doch auch finden.“
Der Kommissar zuckte die Achseln.
„Hat wohl alles nicht so geklappt. Diese Ortungs-Chips scheinen nicht für jahrhundertealte Geheimgänge unter der Ruhr gemacht worden zu sein…. Wenn ich nicht in der Burg diesen Zugang zu dem Stollen gefunden und dort diesen Herrn Bonnekamp getroffen hätte, der mir gesagt hat, wo der Gang enden könnte, dann wären wir jetzt noch nicht hier. Dieser Schlüter, hat der damals eigentlich auch zu der Ausgrabungs-Gruppe gehört?“
Tom schüttelte den Kopf. „Nein, aber es gibt wohl uralte Unterlagen, wonach eine Familie Schlüter vor 700 Jahren ein großes Gehöft in Altendorf hatte und die Frondienste beim Graben des Ganges geleistet haben. Das uralte Haus von Heinz Schlüter steht auf dem Gelände dieses Hofes. Da sie den Schlütersbusch bestimmt nicht nach ihm benannt hat, scheint er also ein Nachfahre dieser Schlüters zu sein. Die müssen dieses Geheimnis mit dem Geheimgang in ihrer Familie überliefert haben, bis heute.“
„Unglaublich, was es alles gibt.“, antwortete Schüppe, als sein Telefon klingelte. Ein ganz kurzes Gespräch, der Kommissar hörte nur zu, runzelte die Stirn, sagte kurz ‚Kollateralschaden, soso’, und legte auf.
„Schlechte Nachrichten für die Landeskasse, Tom.“, informierte er den Reporter: „Der SEK-Panzer hat die Schwimmbrücke bei seiner Überfahrt irreparabel zerstört. Jetzt wird sich wohl das Land NRW die Kosten für den Neubau komplett ans Bein binden müssen.“
Dann wechselte er das Thema: „Sehen wir uns eigentlich am Wochenende in der Arena?“
Bedauernd schüttelte Tom Balzack den Kopf: „Ne, Georg, dieses Mal muss der S04 ohne mich gewinnen. Burgfest in Altendorf / Ruhr. Für mich ein Pflichttermin.“