Wie Kaffee richtig wach macht

Heute morgen habe ich die ultimative Methode gefunden, um mit dem Inhalt einer Tasse Kaffee die Lebensgeister zweier Menschen so richtig zu wecken.

Die Ausgangssituation sehen wir auf Bild 1, nach Beendigung der erforderlichen Maßnahmen nachgestellt. Konnte ich vorher ja nicht ahnen, dass das noch wichtig wird. Auf dem Weg vom Bad ins Schlafzimmer über die Galerie, von der herab ich bei spontanen Treppenhaus-Lesungen meine Texte zu rezitieren pflege, habe ich die gefüllte Tasse auf der üblichen Zwischenablage abgestellt, das ist die Ecke vom Treppengeländer. Kaffe1a

Dieser formschöne Becher, bruchfest und spülmaschinengeeignet, begleitet mich seit Jahren. Nicht nur er,  drei identische Exemplare sind strategisch günstig zu Hause, in der Redaktion und im Auto verteilt. Erworben vor vielen Jahren bei Aldi Nord, zum Stückpreis von etwa zwei Euro (oder waren das noch D-Mark?). Damals, als der Werkstoff Edelstahl nicht nur dort noch preiswert war. Ich habe den Kaffeepott noch einmal etwas closer fortografiert, in seiner natürlichen Umgebung neben Rechner, Kippen und Aschenbecher. Damit ihr ihn in seiner ganzen Schönheit würdigen könnt.

Kaffeepott

Jedenfalls stand meine Alutasse jetzt auf der Zwischenablage, der Geländerecke. Hochglanzpoliert (nicht von mir, ab Werk), 9,00 cm hoch, rund 7,8 cm Durchmesser, gefüllt mit 0,25 Litern dampfenden Melitta-Kaffees. Falls ihr euch wundert, woher ich so genau weiß, wie viel Flüssigkeit dort hineinpasst: Die Füllmenge habe ich heute höchstpersönlich in einem wissenschaftlichen Versuch unter Zuhilfenahme eines Heineken-Bierglases ermittelt. Mit Leitungswasser, nach dem Malheur.

Zurck zur Handlung: Der Plan war, den Kaffeepott auf dem Weg nach unten en passant an der Geländerecke wieder einzusammeln. Irgendetwas muss in den wenigen Minuten beim Zwischenstopp im Schlafzimmer passiert sein, dass mich die aktuelle Position meiner geliebten Aldi-Alutasse vergessen ließ.

Die nachfolgende Szene, wie ich beim Gang zur Treppe mit meinem Ellbogen den Kaffeepott ankicke, er im hohen Bogen, sich mehrfach um sich selbst drehend, durch den Flur fliegt, wobei man sehr schön das Verteilen des Inhalts auf Treppenstufen, Geländer und ursprünglich mal weiß gestrichenen Wänden beobachten kann, habe ich leider nicht im Bild. Wollte ich jetzt auch nicht noch mal nachstellen. Deshalb gibt es Foto Nummer 3 nicht, das muss man sich denken.

Auf Bild 4 können wir, zumindest ansatzweise, das Ergebnis erkennen. Man beachte, wie unschuldig die Tasse nach ihrem Ausflug am Fuß der Treppe steht. Richtig herum gelandet, ohne Blessuren, zur Aufnahme neuer Flüssigkeiten bereit. Das Foto entstand kurz nach dem Malheur, laut H. war mein hilfloser Gesichtsausdruck am besten mit “..und der Vater blickte stumm..” zu beschreiben.

Kaffe2

H. hat überhaupt nicht geschimpft. Sondern mir einen Aufnehmer in die Hand gedrückt, mit dem ich die ca. 0,2 Liter abwischen konnte, die auf den Treppenstufen gelandet waren. Während ich das in bandscheibenmordender Haltung stöhnend und ächzend von oben nach unten (ich wollte ja nicht in die Suppe hineintreten) irgendwie bewerkstelligt habe, das alles natürlich nackt, weil das mein aktueller Aggregatszustand war und ich mir ja nicht noch irgendwelche Klamotten versauen wollte, hat sie selbst mit einem zweiten Lappen die geringere Menge , also rund 0,05 Liter, beseitigt. Vorher habe ich aber noch mein Telefon in Sicherheit gebracht, damit nicht auf geheimnisvollem Wege kompromittierende Fotos entsstehen konnten. Foto 5 fehlt also absichtlich, in diesem Fall muss man es sich aber Kaffeespurennicht denken.

Dieses bisschen kaffeebraune Flüssigkeit, das auf den weißen Wänden ihren Niederschlag fand, hat dort allerdings sehr viel effektiver gewirkt und deutlich sichtbarere Spuren hinterlassen als die größere Menge auf der lackierten Treppe, wo sie nicht einziehen konnte. Zum Glck ist H. ein positiv denkender Mensch, der in jedem Miß-Geschick noch das Gute zu sehen in der Lage ist. Abtauer FlurZum Beispiel, dass das unscheinbare Poster (ca 2,00 Meter x 1,20 Meter) mit dem Cover von “Die Abtaucher”, das man normalerweise in unserem Treppenhaus gar nicht so richtig wahrnimmt, flüssigkeitsabweisend beschichtet ist und einen Großteil der Wand vor Kaffeeflecken geschützt hat.

Und dass diese Variante des Treppenputzens von oben nach unten in ungewohnter Körperhaltung gut gegen meinen Bewegungsmangel und für den Aufbau von Muskeln geeignet sei, an Stellen des Körpers, die man sonst nicht trainiert. Ich hingegen frage mich jetzt schon den ganzen Tag, ob es sich bei der Bandscheibe um einen Muskel handelt.

Das Bücken, um in die letzten Ecken zu kommen, das Recken, um auch die Spuren über den Türrahmen zu beseitigen, hat sie einfach als Frühsport betrachtet. Und als eine andere Variante, um von Kaffee wach zu werden. Fotografieren lassen wollte H. sich dabei allerdings nicht. Deshalb fehlt auch Foto Nummer 7, das sicherlich aufgrund der äußerst sparsamen Nachtbekleidung, die meine Freundin dabei noch trug, das interessanteste Bild in dieser Galerie geworden wäre.

Jedenfalls hat der Fluch Flug der Kaffeetasse und unsere anschlieenden sportlichen Tätigkeiten dazu beigetragen, ihren Kreislauf und meinen Blutdruck anzukurbeln. Wahrscheinlich mehr, als es das Koffein im verschütteten Kaffee allein vermocht hätte.

Vor Steuern

Zum ersten Mal muss ich eine Steuererklärung erstellen, in der auch die Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit meiner Autorentätigkeit aufgelistet werden. Aktuell frage ich mich gerade, wie ich dem Finanzamt die Diskrepanz zwischen der Anzahl  der von mir verschickten und teilweise sogar persönlich zugestellten Rezensionsexemplare und den daraus resultierenden Besprechungen klar machen soll. Werbungskosten? Schwund? Liebhaberei? Fragen, über die ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe.

Denn in meiner Welt bekommt man nichts geschenkt. Wenn ich  bei einem Autoren ein Buch zur Besprechung anfordern würde, sähe ich das als meine moralische Pflicht an, auch die Gegenleistung einer Rezension abzuliefern. Wenn ich den Roman nur lesen will, weil mich das Thema oder der Autor interessieren, dann kaufe ich es mir eben. Aber das sehen  viele im Zusammenhang mit Büchern wohl anders. Ich kann mich noch gut an das Gespräch mit einem Bekannten erinnern, wenige Wochen, nachdem mein erster Kriminalroman  erschienen war.

Er erzählte mir, das Buch bereits gelesen zu haben.  Damals war ich als frischgebackener Autor noch stolz darauf, einem leibhaftigen Leser meines Werkes gegenüber zu stehen. Wie es ihm generell gefallen habe, welche Stellen er besonders gut fand, welche weniger, wollte ich wissen. Und natürlich habe ich ganz naiv gefragt, aus welcher Buchhandlung er ‘Die Abtaucher’ hätte,  ob sie dort vorrätig waren oder extra bestellt werden mussten.

Der junge Mann hat mich, den unerfahrenen Schöpfer des kommenden Weltbestsellers, nur angesehen, als ob ich nicht alle Latten am Zaun hätte: „Wieso gekauft? Ich bin doch nicht bescheuert und gebe dafür Geld aus! Das habe ich mir natürlich umsonst besorgt.“ Auf meinen verständnislosen Blick hin hat er mir Greenhorn stolz einige der Platformen im Netz gezeigt, von denen man sich  illegal hochgeladene Bücher illegal herunterladen kann. Für Umme.  Drei Klicks auf einer Seite gegen monatelange Beschäftigung mit Denken, Schreiben, Verlagssuche, Überarbeiten, Bewerben des Buches. Der Kollege hatte, selbst mir gegenüber,  dem Urheber und Rechteeigentümer, nicht das geringste Unrechtsbewusstsein.

Ich war erschüttert und habe ihn dann noch gefragt, ob er an einem der nächsten Tage als Kameraassistent für mich arbeiten könne: Klar. Auch umsonst? Wie ich denn darauf käme…  Nein, das könne man nicht mit dem illegalen Download vergleichen, das seien ja nur Daten, deren Erstellung nichts gekostet habe. Bei einem Taschenbuch sei das ja anders, das Papier, der Druck und so weiter.

Was ich damit sagen will: In so einem Werk steckt ja sehr viel Gehirnschmalz und Zeitaufwand, der vorher investiert werden muss und dessen Wert nur schwer in Euro zu beziffern ist. Aber jeder Cent, der als Frucht dieser Mühen hereinkommt, wird vom Finanzamt nur ungern mit  der vorherigen Arbeit verrechnet, die sich über Jahre hingezogen haben kann, mit schwer zu belegenden Ausgaben für Recherchefahrten usw.. Wie soll ich zum Beispiel nachweisen, dass ich an einem bestimmten Tag des Jahres 2015 extra nach Paderborn gereist bin, um mir bestimmte örtliche Gegebenheiten für ‘Die Abräumer’ noch einmal genau anzusehen? Ich habe dort nicht getankt oder Kaffee getrunken, kann also keine entsprechenden Quittungen vor- und damit die Reise nicht nachweisen, bleibe also auf den Fahrtkosten sitzen. Für das Finanzamt hat diese Reise damit nicht stattgefunden.

Die Leute, die ohne eigene Leistung und Kosten von meiner Arbeit profitieren, die Betreiber und Nutzer dieser illegalen Platformen, bleiben hingegen  anscheinend (nicht nur) von den (Finanz-) Behörden unbehelligt. Die Internetseiten, die der Kollege  mir damals, vor zwei Jahren,  gezeigt hat, irgendwo im Ausland registriert, die gibt es immer noch. Für deren Eigentümer ist wirklich “Einnahme gleich Gewinn”. Dort werden jetzt alle drei Bücher von mir zum kostenlosen Download angeboten.

'Die Abräumer' gelesen, dabei gewesen.

indexEin Mitarbeiter der ‚Sparbank‘ mit Hauptsitz in Essen kündigt seinen Kunden die Hypotheken-Kredite und  lässt die Immobilien zwangsversteigern. Diese Häuser schanzt er dann einem guten Bekannten zu, einem (in diesem Fall ehemaligen) Ratsmitglied, das sie weit unter Wert aus der Zwangsversteigerung herauskauft. Wie das funktioniert, wird in einer Szene in Kapitel 42 (ab S. 165) beschrieben.

Einige Rezensenten hielten diesen Handlungsstrang in meinem Kriminalroman ‚Die Abräumer‘, erschienen im März 2015, für zu konstruiert und klischeehaft.

Wie die lokale Presse in diesen Tagen schreibt, soll ein hochrangiges Mitglied der Essener SPD, Ratsherr Arndt G.,  mit Hilfe eines guten Bekannten  bei der Sparkasse Essen zwei Bürogebäude weit unter Wert  aus der Zwangsversteigerung  heraus gekauft habenl, für 1,25 Millionen Euro. Klingt viel, ist es aber nicht, wenn man die Gebäude etwas umbaut und sie an die Stadt Essen als Flüchtlingsheime vermietet. Langfristig, für 600.000 Euro pro Jahr.  Der Sparkassen-Mitarbeiter ist jetzt angeblich stiller Teilhaber der Firma, die Arndt G. für die Immobilien gegründet hat.

Kommt euch als Leser von ‘Die Abräumer’ bekannt vor? Und jetzt wieder mein Standardsatz:  Ich denk mir doch nix aus.

Notlandung auf der A 2

Screen2Die Ideen für meine Bücher schöpfe ich zu einem Großteil aus den Erlebnissen in meinem Hauptberuf als Reporter. Den Job übe ich jetzt  seit dreißig Jahren aus, da habe ich schon alles erlebt. Dachte ich immer, bis heute. Da hat mich nämlich auf der Autobahn fast ein Flugzeug gestreift.

Mein Kameramann Niko und ich hatten in Bielefeld gedreht. Das Wetter war richtig schlecht den ganzen Tag über, immer wieder Regen, Wolkenbrüche bei schwülwarmen Temperaturen. Jetzt, auf dem Heimweg nach Essen, ist es auf der A2 gerade mal trocken, aber stürmisch. Ich halte den Blick immer auch nach rechts gerichtet, auf die LKW. Besonders die mit Planen sind sehr windanfällig. Plötzlich kommt von vorn etwas auf uns zu. Etwa 300 Meter.  Ein Geisterfahrer? Nein, es ist in der Luft. Was ist das denn? Kann doch nicht sein. Ein Flugzeug, eindeutig. Mitten über der Autobahn. Verdammt niedrig. Wie weit entfernt? Vielleicht noch 200 Meter. Sinkend. Verdammt, was ist das? Nein, kein Jumbo, kein Airbus, nur ein kleiner Privatflieger. Trotzdem. Niko kramt hektisch nach seinem Handy. Ich bremse ab. Das Ding kommt näher, es trudelt, fliegt aber direkt auf uns zu. Ich steuere  das Auto nach rechts, habe Angst, dass der Flieger uns rammt.  Als er über uns hinwegfliegt, ziehen wir unwillkürlich den Kopf ein. Wir halten auf dem Standstreifen an, wie die anderen Autos auch. Wir springen raus, das Ding ist hinter einer Kurve verschwunden. Ich bin mir sicher: Das geht nicht gut. Um 15:16 Uhr wähle ich den Notruf der Polizei. Die Beamten halten mich offensichtlich für bescheuert (“Guten Tag, mir ist auf der A2 gerade ein Flugzeug entgenegekommen”), zumal ich der erste Anrufer zu sein scheine – all die anderen vor uns, die das gleiche erlebt haben, hielten es wohl nicht für nötig, die Behörden zu informieren. Wir fahren weiter, nächste Abfahrt, Gegenfahrbahn wieder auf, nach etwa einem Kilometer steht sie da, auf der Autobahn, neben einem LKW. Noch keine Polizei, keine RettungswaScreen1gen. Als wir die Unfallstelle erreicht haben, sind seit der ersten Begegnung gerade fünf Minuten vergangen. Der Pilot sitzt auf der zerstörten Maschine und telefoniert, zwei LKW Fahrer stehen daneben. Offensichtlich keine Toten, keine Verkletzten. Der Flugzeugführer scheint ganz tiefenentspannt und möchte nicht gedreht werden. Das muss er sich wohl gefallen lassen, wenn er im Tiefflug über die Autobahn fliegt, Menschen gefährdet  und dann noch abstürzt, halte ich ihm vor. Das sei kein Absturz gewesen, sondern eine kontrollierte Notlandung. Wenn der Motor ausfiele, käme das schon mal vor. Ach so.

Fronleichnam

Die Geschichte begann eigentlich schon gestern. Beziehungsweise vor 28 Tagen, als ich meinen Führerschein für vier Wochen in Verwahrung geben musste. Das war nicht so schlimm wie befürchtet, weil wir entweder meist in Westfalen gedreht haben, dann hat Niko mich in Dortmund eingesammelt, oder H. hat mich mitgenommen und in Essen unweit meiner Redaktion rausgeschmissen. Hat erstaunlich gut geklappt, bis gestern. Da hatte H. einen Termin in der Innenstadt und anschließend Spätdienst, ich  wäre erst nach 10:00 Uhr in der Redaktion gewesen. Also sind wir um 07:20 Uhr losgefahren, um 07.40 Uhr hat sie mich an einer der Bushaltestellen vom Dortmunder Hauptbahnhof, deren Existenz sie ja immer geleugnet hat,  ausgesetzt. Niko hatte mir ausführlich erklärt, wie das mit den Fahrscheinautomaten funktioniert und von welchem Bahnhof ich mit welchem Regionalexpress nach Essen fahren kann. Hat auch gut geklappt. Das Raucherabteil habe ich zwar nicht gefunden, aber einen Sitzplatz in Fahrtrichtung ergattert. Das ist wichtig, denn: Wenn man gegen die Fahrtrichtung sitzt, guckt man in die Vergangenheit – an allem, was man beim Blick aus dem Fenster sieht, ist man in dem Moment ja schon vorbei. Einsichten, die mir ohne diese Zugreise nie gekommen wären. In meiner Heimatstadt kenne ich mich aus, in Essen schwupps in den Schnellbus SB 15 gesprungen, noch mal sieben Minuten zu Fuß von der Haltestelle aus. Ist zwar doof, weil ich mir irgendwie die Verse aufgeschrappt habe und das vom Laufen nicht besser wird. Egal, um 08:45 Uhr war ich nach nicht einmal eineinhalb Stunden in der Redaktion. Je nach Strecke sind das mit dem Auto zwischen 35 und 38 Kilometer, dafür benötige ich morgens 40 und abends 35 Minuten. Aber man wird ja demütig.

Vielleicht hat mich diese Erfahrung auch übermütig gemacht. Jedenfalls wollte ich gestern mal zwei Sachen ausprobieren: Wie geht ein Acht-Stunden-Tag, und wie funktioniert das ohne Auto in umgekehrter Richtung, von E nach DO? Na gut, ich habe wieder etwas geschummelt. Der liebe Niko hat mich also um kurz nach siebzehn Uhr nach Steele gefahren.

Von dort juckele ich mit der S-Bahn, wieder ohne Raucherabteil, aber mit Sitzplatz in Fahrtrichtung, über Wattenscheid-West, Wattenscheid, Ehrenfeld, Bochum HBF, Langendreer, Oespel, Kley … Mit schönen Ausblicken in Vorgärten, wo Männer Rasen mähen oder Autos waschen. In meinem Abteil sitzen junge Frauen mit Kopfhörern, schauen aus dem Fenster oder lesen Bücher. Leider nicht meine.  Manchmal geht es entlang der  verstopften A 40,  wo wir normalerweise um diese Zeit noch im Stau auf dem Rückweg zur Redaktion stecken. Zwei Araber stehen an der Tür und diskutieren laut in einer mir fremden Sprache. Im Indupark sehe ich genervte Menschen bei der Parkplatzsuche für Feierabendeinkäufe. Ich fühle mich wie der „man on the train“ und denke, dass ich die Zugszene in „Die Abdreher“ intuitiv (und ohne seit vierzig Jahren mit einem Schienenfahrzeug unterwegs gewesen zu sein) ganz gut beschrieben habe. Hinter mir erklärt eine Mutter ihrem Kleinkind: „Wir fahren nach Hause, nach Dortmund.“

An der Uni raus, das nächste Verkehrsmittel: Die H-Bahn. Das ist eine Schwebebahn für Studenten, komisches Gefühl, so hoch über allem. Zwei Stationen weiter in Eichlinghofen hält sie fast vor meiner Haustür. Menschen hetzen in den REWE. Es ist erst 18.30 Uhr, was mache ich mit dem angebrochenen Nachmittag? H. kommt frühestens in einer Stunde.

GartenIch könnte sie überraschen und den Rasen mähen. Prima Idee, endlich wieder selbst ein Fahrzeug lenken. Die Ferse schmerzt zwar von der ganzen Rumlatscherei, aber im Garten trage ich offene Sandalen. Gedacht, getan, Fehler. Ganz unten, am Weinfass, in dem sich das Regenwasser sammelt, das wir nie benutzen, der Mückenzuchtstation also, sticht mich ein Vieh ins Auge. Verdammt, juckt das, aber ich mähe weiter.

Heute morgen, der Wecker klingelt wie immer um 05:55 Uhr, ist das Lid des linken Auges so angeschwollen, dass ich es nicht öffnen kann. Ich taumele in die Küche, der Gleichgewichtssinn ist weg, fühle mich wie betrunken, dabei habe ich gestern Abend nur Mineralwasser zu mir genommen. Ich verstreue den Kaffee, ohne das zweite Auge kein räumliches Sehvermögen. Fronleichnam ist kein bundesweiter Feiertag, H. hat Frühdienst. Was soll ich allein in unserem Haus in Dortmund, wie  festgetackert ohne Auge und ohne Auto? Dann verbringe ich den Tag doch lieber in meiner Redaktion. Da  gibt es immer was zu tun, und vielleicht kommt sogar noch ein Dreh reingeflogen.

Wir müssen eigentlich um sieben Uhr los. Also Kaffeetrinken, Katzenwäsche, duschen und rasieren kann ich mich auch in der Redaktion. Trotzdem zu spät dran, auch mit ohne Staus sind wir erst um 07:40 Uhr in Essen. H. kann mich nicht bis zu meiner Redaktion fahren, wenn sie pünktlich kommen will. Sie setzt mich an der Haltestelle „Huttropstraße“ ab. Für Eingeweihte: Das ist an der Ruhrallee zwischen Ruhrturm, früher Ruhrgas, und derA-52-Auffahrt. Dort hält der Schnellbus SB15, mit dem ich ruck-zuck in Burgaltendorf bin. Ich kenne den Fahrplan nicht, aber wenn es ein paar Minuten dauert, kann ich wartend in Ruhe eine rauchen. Darf man in H.s Auto morgens nämlich nicht. Schönen Arbeitstag, Dir auch, wir telefonieren, bis heute abend. Weg ist sie.

Die elektronische Anzeigentafel sagt: Linie 155 nach Kupferdreh in 19 Minuten. Aber was ist mit dem SB 15? Ich schaue auf den Fahrplan. Sonn- und feiertags kommt der erste Schnellbus um 12:36 Uhr. Mist. Da hatte ich jetzt nicht mit gerechnet. Fonleichnam1Vielleicht nur alle zwanzig oder dreißig statt alle zehn Minuten, aber morgens überhaupt nicht… Was tun? Nach  Kupferdreh fahren? Von dort fährt ein Bus nach Burgaltendorf, aber der verkehrt meines Wissens wochentags schon nur stündlich. Müsste ich dort wieder ewig warten. Trampen? So wie ich aussehe, unrasiert, fettige Haare, Blötschauge, wie von der letzten Nacht ausgespuckt – ich würde mich auch nicht mitnehmen. Taxi? Ziemlich teuer, von hier bis zur Redaktion sind es noch rund zehn Kilometer. Und unsportlich. Taxi gildet nicht. Das schaffe ich auch anders!

Bleibt nur der Bus 155. Ich lege dem Fahrer falsche Geldstücke hin, er ist genervt.

„Ich kann nicht richtig gucken, mein Auge ist zu.“

„Schon klar.“

Nach 3,8 KilometFronleichnam2ern, verteilt über vier Haltestellen, steige ich am  Annental aus. Ich torkele über die Ampel an der Westfalenstraße, der fehlende Gleichgewichtssinn, hoffentlich sieht mich keiner, der mich kennt. Neben der Konrad-Adenauer-Brücke führt ein Wanderweg über die Ruhr. Dann mal los. Die schmerzende Ferse wird einfach wegignoriert. So eine schöne Landschaft, und so still. Na ja, ist ja immer noch kaum jemand unterwegs. JetzFronleichnam4t kommt auch noch die Sonne raus, es wird schnell wärmer. Vor einer Stunde, als wir in DO losgefahren sind, war die schwere Lederjacke temperaturtechnisch noch angemessen.Fronleichnam3 Immer wieder bleibe ich stehen, natürlich nur, um mit dem Handy Fotos von der Idylle an der Ruhr zu knipsen. Als Beweis, dass wir uns nicht im Sauerland oder im Albmühltal befinden, nehme ich den Förderturm der vor 48 Jahren geschlossenen  Zeche Heinrich mit ins Bild. Ich muss an Tom Balzack denken und den Spruch: “WerFronleichnam5 noch einmal Förderturm sagt wird erschossen“. Beim Posten der Fotos auf facebook vertippe ich mich ständig beim Begleittext, im torkelnden Gehen und mit nur einem Auge ist das schwierig. Ich  transpiriere leicht. Über das Gewicht von zwei Rechnern und mehreren Büchern in der Laptop-Tasche habe ich mir zuvor noch nie Gedanken gemacht.

Am Ende der Brücke sind es immer noch vier Kilometer, jetzt durch Wohngebiete. Es ist 08:50 Uhr. Nirgendwo hängen Fronleichnams-Fahnen. Macht man das nicht mehr, oder führt die Prozession hier nicht vorbei? An keinem der Gebäude befindet sich eine Fahnenhalterung, stelle ich fest. Vorm Discounter hat sich eine Schlange gebildet. Ein angeleinter KöteFronleichnam7r kläfft mich an,  Frauchen kauft Brötchen in der LIDL-Bäckerei. Ich wechsele die Straßenseite. Auf dem Bürgersteig steht eine leere Jägermeister-Flasche, hoffentlich hattet ihr Spaß.  Vor einem Reihenhaus haben sich fünf Motorradfahrer getroffen, trinken an ihren Maschinen noch einen Kaffee vor der Tour. Hätte ich jetzt auch gern. Irritiert blicken sie auf den dicFronleichnam8ken Mann mit der Belstaff-Jacke, dem zugekleisterten Auge über den Bartstoppeln, den wirren Haaren, der mit schiefer Schulter (wegen der Computer-Tasche) schweißüberströmt an ihnen vorbei wankt. Ich hingegen muss an Rocky II denken, den Lauf durch New York, bei dem die Passanten den schwitzenden Boxer abklatschen. Nun ja. Ein paar Häuser weiter trägt ein kleines Mädchen gerade Strandspielzeug zum Zafira. Der Vater steht mit einer Reisetasche an der Haustür. Als er mich sieht, ruft er das Kind zurück. Es heißt Paula.

Raus aus dem Wohngebiet, hinein ins Grüne. Jetzt noch den Berg hinunter, dann bin ich da. Ich kann schFronleichnam9on meine Farm erahnen. Rosa und lila strahlen die Blüten der Rhododendren durch die Blätter des Waldes. Als ich näherkomme, sehe ich, dass sich die Befestigung der Schalke-Fahne über Nacht gelöst hat. Sie hängt jetzt quasi auf halbmast, kein gutes Omen. Die Wiese muss mal wieder gemäht werden. 09.16 Uhr, ich klappe die BlendFronleichnam10läden auf, ich bin da. Nach genau zwei Stunden.

Meine Mutter steht im Hof. „Willst Du nicht endlich mal wieder mitgehen  zur Fronleichnams-Prozession?“„Habe ich schon hinter mir.“ Wenige Minuten später kommt Niko mit meinem Auto angefahren. telefacts.tv ist arbeitsbereit.

Morgen, am Freitag, kann ich mir meine Fleppe wieder abholen. Und ab Samstag, 00:01 Uhr, darf ich auch wieder Auto fahren.

Criminale – Wie eine Geschichte entsteht

Hier zunächst der Text, unten erkläre ich seine Entstehungsgeschichte:

Das passte nicht in Henks Plan. Gar Nicht. Er wollte den Teppich gerade zum Lieferwagen auf der anderen Straßenseite tragen, als sich eine Gruppe seltsamer Menschen vor dem Laden in der Marburger Fußgängerzone aufbaute. Zunächst stach ihm die Farbe Orange ins Auge, er dachte an eine Gruppe übriggebliebener Bhagwan-Jünger, die dort ihre Sanskrit-Mantras anstimmen wollten. Als Henk genauer hinsah, erkannte er, dass es orangefarbene Schilder waren, die diese merkwürdigen Menschen in die Höhe hielten. Er steckte den Kopf kurz aus der Tür, um zu lesen, was auf den Zetteln stand. Keine gute Idee, eine Alkohol-Wolke nahm ihm fast den Atem. Henk schloss die Tür und fluchte. Garantiert war diese Demo nicht angemeldet, wahrscheinlich nur so ein Flash-Mob gelangweilter Altachtundsechziger. Gleich würde die Polizei erscheinen, diese Horde von Trunkenbolden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses abführen. Und wahrscheinlich auch in den Laden kommen, um nachzufragen, ob man sich von den Verrückten gestört gefühlt hätte. Für eine Anzeige wegen ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ bedurfte es eines Erregten, das wusste Henk. Schließlich hatte er mal Jura studiert und Rechtsanwalt werden wollen, bevor er den erheblich lukrativeren Job als ‘Problemlöser’ angenommen hatte.  Wahrscheinlich kannten die Beamten, die hier in Kürze aufschlagen würden, den Ladeninhaber sogar.  In so einem Kaff kannte ja jeder jeden. Ihn würden sie nicht kennen, das würde die Beamten mißtrauisch machen. Sie würden nach Uwe Schremms fragen, der in seinem Teppich schon deutlich vor sich hinmüffelte. Bei genauerem Hinsehen würden sie auch die Blutspritzer bemerken, die rund um den Schreibtisch bereits eingetrocknet waren, sich nur noch mit Bleichmittel entfernen liessen. Und der Recyclinghof, wo er die Leiche unauffällig entsorgen wollte, hatte nur noch eine halbe Stunde geöffnet. Mann, Mann, Mann, er musste hier raus. Henk kramte in seinen Manteltaschen und zählte seine Ersatzmagazine. Am besten, er würde diese Randalierer alle umlegen und sich in dem dann entstehenden Chaos aus dem Staub machen. Ja, so könnte es gehen.

Ich werde ja immer wieder gefragt, wie wohl jeder Autor, woher ich die Ideen für meine Texte nehme. Meine Standard-Antwort lautet dann meist “Ich denk mir doch nix aus!” Meistens sind es einzelne Geschichten, die sich so oder ganz ähnlich auch ereignet haben, als langjähriger Polizeireporter hat man ja schon einiges erlebt. Ich setze diese Taten dann zu neuen Geschichten zusammen, spinne eine Rahmenhandlung darum herum. Aber natürlich bedarf es eines Anstoßes dazu, meist sind das Bilder. Ich kann euch das hier mal einem Beispiel verdeutlichen.

Momentan findet in Marburg die Criminale statt, das ist die jährliche Veranstaltung von “Das Syndikat”, der Vereinigung deutschsprachiger Kriminalschriftsteller. Ich wäre natürlich auch gern dabei gewesen, deshalb schaue ich mir z.B. auf facebook natürlich  zwischendurch die Posts dazu an. Gestern mittag haben die Krimiautoren in der Marburger Innenstadt einen Flashmob veranstaltet, Zettel mit “Ich bin unschuldig” in die Höhe gehalten. Und das mit solchen Fotos (geklaut bei Ulf Kartte) dokumentiert:

CriminaleIch sehe mir das Bild an, und sofort geht die Assoziationskette los: Neidisch, dass die Kollegen am hellichten Tag da auf dem Marktplatz rumlungern können. Ich muss mal wieder arbeiten. Der Teppich-Händler im Hintergrund (Firmenschild am rechten Bildrand) bestimmt auch. Was wird der wohl über diese Gaga-Aktion vor seinem Laden denken? Ich, immer noch neidisch, versuche mich zu trösten: Vielleicht kommt ja gleich noch nen Mord rein, passiert Freitags nachmittags ja gern mal. Ich kann dann dort für’s TV drehen, live und in Farbe Anschauungsmaterial für meine Romane sammeln. Während die Autoren-Kollegen in Marburg davon nichts mitbekommen. Halt, apropos, was wäre denn, wenn im Teppichladen ein Mord passiert wäre, während die draussen ahnungslos flashmobben? Vor gar nicht so langer Zeit (fünf Jahre sind für mich, den Highlander, nur ein Fingerschnipps) gab es doch im Rheinland mal diesen Teppichmord, der unter anderem deshalb ans Licht kam, weil es dem Täter nicht gelungen war, die in den Teppich eingewickelte Leiche rechtzeitig zu entsorgen… Und zack, fließt mir die oben gelesene Geschichte aus der Feder. Noch nicht ausgefeilt, vielleicht für nix gut, aber so kommen mir die Ideen.


 

 

 

 

Der Flugpanzer

Einen kurzen Moment lang hatte Tom Balzack die Sorge, dass sein Flugpanzer auf die lautstarken Rückrufe aus Wolfsburg reagieren, sich wie von Geisterhand in Fahrt setzen und dem Lemmingszug  in Richtung Werkstatt anschließen könnte. Als er aber aus dem Fenster der Redaktion am Waldesrand blickte, sah er den Volkswagen dort unbeeindruckt in Ruhestellung verharren. Der Reporter wusste: Nur ein Knopfdruck, und das Dieselherz des schwarzen Tieres würde zu grollen beginnen. Ein kurzer Tritt mit dem Fuß, er würde wie ein Stier nach vorn stürmen, gierig auf weitere Abenteuer mit Tom und Harry.
PS: Hatte ich eigentlich schon die Sache mit meinem Führerschein erwähnt?

Fünf Leichen, und wo bleibt das Positive?

In meinen Kriminalromanen geht es naturgemäß um Mord und Totschlag. Aber es gibt  auch unterhaltsame und lustige Momente. Am Ende von ‚Die Abräumer’ hat der Reporter Tom Balzack seiner Charly zum Geburtstag einen Hund geschenkt. Jetzt, in ‚Die Abdreher’, gehört der bereits fest zur Familie. Es handelt sich um einen Labradoodle, eine Kreuzung aus Pudel und Labrador Retriever. Für Tom, er ist eigentlich kein ausgeprägter Tierfreund, hat der Hund einen entscheidenden Vorteil, der sich auch in dessen Namen widerspiegelt. Der Rüde heißt Renault, weil: Er springt nicht an. Ganz im Gegensatz zu Rocky, dem Westhighland-Terrier des Rentners Heinrich Gomez, der Tom schon einmal die Jeans versaut hat.  Also der Hund, nicht der Rentner. Was Herr Gomez Tom und der “Frau Charly” wegen Renault empfiehlt, kostet Tom fast das Leben und führt zu … ach, lest selbst.

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Pressekonferenz zu 'Die Abdreher'

 

Der LabraPK1doodle Renault hätte wegen der vielen Menschen vor Aufregung bestimmt wieder gegen den Türrahmen gepinkelt. Aber Renault (heißt so, weil er nicht anspringt. Niemanden, niemals.) ist ja ein fiktiver Charakter. Ganz real war  ganz schön was los heute morgen PK5bei Grafit  in Dortmund. Der Verlag hatte zur Pressekonferenz  anläßlich des Verkaufsstarts von ‘Die Abdreher’ geladen.  Verlegerin Ulrike Rodi und ich waren überwältigt von dem Ansturm. Mehrere Kamerateams, Fotografen, das Radio, Redakteurinnen und Literatur-BloggerinnPK3en wollten alles über den neuesten Fall von Hauptkommissar Georg Schüppe und Reporter Tom Balzack wissen. Kein Wunder, die Thematik ISIS und Rechte ist aktuell, und in meinem Kriminalroman habe ich einige Dinge beschrieben, die nach und nach jetzt auch in den Medien stehen oder sich, leider, gerade in der Realität bewahrheiten. Aber, keine Sorge, es geht in meinem neuen Buch nicht nur düster zu. Für Unterhaltung sorgen der Reiseagent Belmondo, der Rentner Gomez und die Sexbombe Gloria Wolkenstein. Und natürlich Renault.   PK2